Zu Besuch im SM-Apartmenthotel „Der Gutshof“ in Nordhausen
Ein Gutshof für Lust, Vertrauen und Diskretion
Historisches Gemäuer, private Wellnessbereiche und vollständig eingerichtete BDSM-Spielräume. Am Rand von Nordhausen haben Anna und Mario einen Ort geschaffen, an dem Paare ihre Fantasien geschützt und fern vom Alltag ausleben können. Wir haben den Gutshof besucht und hinter den aufwendig gestalteten Themenwelten vor allem die Geschichte zweier Menschen entdeckt, die mit viel Eigenleistung und Beharrlichkeit aus einer ungewöhnlichen Idee ein Lebenswerk gemacht haben.
Es ist einer dieser Sommertage, an denen die Luft stillzustehen scheint. 37 Grad, drückende Schwüle, Kleidung, die schon nach wenigen Minuten an der Haut klebt. Zwei Stunden Fahrt liegen vor uns.
Je weiter wir uns Nordhausen nähern, desto weiter scheint die vertraute Zivilisation zurückzubleiben. Die Straße führt vorbei an weiten Feldern, ausgetrockneten Grasflächen und staubiger Landschaft. Für einen Moment wirkt die Fahrt beinahe wie der Beginn eines Westerns, nur dass am Ende kein Saloon, sondern ein SM-Apartmenthotel auf uns wartet.
Mit jedem Kilometer wächst die Spannung.
Wie wird dieser Ort, den wir bisher nur von Bildern kennen, tatsächlich aussehen? Wie werden die Menschen sein, die hinter einem der ungewöhnlichsten Hotelkonzepte Deutschlands stehen? Erwartet uns ein düster inszenierter Fetischtempel? Eine betont exzentrische Selbstdarstellung? Oder etwas vollkommen anderes?
Als wir den Gutshof erreichen, erkennen wir das Gebäude sofort wieder. Das Anwesen liegt am Rand von Nordhausen in einer beinahe dörflichen Umgebung. Eine Pferdekoppel grenzt an den Hof, darauf eine alte DDR-Straßenlaterne, die zwischen ländlicher Idylle und einem Hauch Ostalgie steht.
Noch während wir uns umsehen, öffnet sich hinter uns die Tür. Anna kommt uns freudestrahlend entgegen. Sie trägt ein rosa gestreiftes Sommerkleid und begrüßt uns so herzlich, dass sich die anfängliche Anspannung innerhalb weniger Augenblicke auflöst.
Das erste Klischee ist damit bereits widerlegt.
Ein Haus, das seine Geschichte nicht versteckt
Anna führt uns direkt in das Gebäude. Über eine Treppe gelangen wir zu den Apartments. Schon im Treppenaufgang zeigt sich der besondere Charakter des Hauses. Der nachträglich ergänzte Zugang gibt den Blick auf Teile der liebevoll restaurierten historischen Fassade frei.
Das Gebäude habe in seiner langen Geschichte unter anderem als Schule und als Gaststätte gedient, erzählt Anna. Heute treffen darin historische Bausubstanz, moderne Innenarchitektur, Wellness und BDSM-Ausstattung aufeinander.
Freigelegte Holzbalken durchbrechen moderne Flächen. Alte architektonische Elemente wurden nicht versteckt, sondern bewusst erhalten. Gleichzeitig finden sich Designerfliesen, Fußbodenheizungen, Saunen, großzügige Bäder und eigens für die Räume angefertigte BDSM-Möbel.
Anna und Mario kauften den Gutshof im Jahr 2012. Danach folgten zwei Jahre, in denen sie das Gebäude nach eigener Aussage praktisch rund um die Uhr selbst ausbauten und umfassend sanierten. 2014 begann der Betrieb zunächst mit drei Apartments. Heute umfasst der Gutshof fünf eigenständige Themenwelten: die SchwarzeWelt, die ChaletWelt, die RomantikWelt, die LatexWelt und die FesselndeWelt.
Was heute wie ein konsequent geplantes Gesamtkonzept wirkt, war in Wirklichkeit ein enormer Kraftakt.

Die SchwarzeWelt: klassisches BDSM trifft private Wellness
Unser erster Rundgang führt durch die SchwarzeWelt im Dachgeschoss.
Das Apartment umfasst rund 180 Quadratmeter. Allein der Spielraum nimmt etwa 70 Quadratmeter ein und enthält 15 größere Spielgeräte. Hinzu kommt ein mehr als 50 Quadratmeter großer privater Sauna- und Relaxbereich mit Terrasse. Massive Holzbalken, Nischen und dunkle Möbel treffen auf moderne Wohnräume und einen hochwertigen Wellnessbereich.
Was auf Bildern bereits eindrucksvoll wirkt, entfaltet vor Ort eine andere Dimension. Die Ausstattung ist nicht einfach in einen Raum gestellt worden. Sie ist Teil der Architektur. Einige der Stahlmöbel stammen von StyleFetish, einem Hersteller hochwertiger BDSM-Einrichtungen. Die Lederarbeiten an verschiedenen Möbelstücken übernahmen Anna und Mario selbst.
Überhaupt begegnet uns ihre eigene Arbeit an nahezu jeder Stelle des Hauses. Die zahlreichen alten Holzbalken mussten von Hand abgeschliffen werden. Eine Aufgabe, die bei professioneller Vergabe kaum bezahlbar gewesen wäre. Viele Details wurden selbst geplant, angepasst, verkleidet oder restauriert. Manches Möbelstück entstand speziell für einen bestimmten Raum, anderes wurde anhand praktischer Erfahrungen weiterentwickelt.
Anna führt uns mit sichtlichem Stolz durch das Apartment. Nicht mit dem einstudierten Ton einer Hotelmanagerin, die eine Ausstattungsliste herunterbetet, sondern wie jemand, der zu jedem Balken und jeder Fläche eine Geschichte erzählen könnte.
Zwischen Spielraum und Rückzugsort
Besonders wichtig ist Anna die räumliche Trennung zwischen BDSM-Bereich und Wohn- beziehungsweise Wellnessbereich.
Wer eine Session beendet, soll den Spielraum verlassen und tatsächlich abschalten können. Das Bett muss nicht gleichzeitig Fixiermöbel sein. Die Sauna muss nicht Teil einer Inszenierung werden. Ein Paar kann spielen, den „Spielraum“ hinter sich lassen und anschließend essen, baden, schlafen oder gemeinsam auf der Terrasse sitzen.
Der Gutshof versteht BDSM damit nicht als ununterbrochenen Ausnahmezustand. Er schafft vielmehr einen geschützten Rahmen, in dem intensive Erfahrungen neben Entspannung, Nähe, Gesprächen und gewöhnlicher Zweisamkeit bestehen können.
Das unterscheidet das Konzept von einem klassischen Studio oder Club. Die Gäste teilen keinen öffentlichen Spielbereich mit anderen, sondern mieten ein vollständiges privates Apartment und bleiben unter sich. Auf Wunsch können zusätzliche Geräte, Seminare oder Sessionbegleitungen gebucht werden.
Auf unsere Frage, ob Anna und Mario die Räume gelegentlich selbst nutzen, muss sie lachen. Abschalten sei dort für beide kaum möglich. Mario sehe als Handwerker sofort, was noch verbessert oder repariert werden könnte. Anna denke an die Reinigung und die Arbeit, die nach einem Aufenthalt anfalle.
Sie würde sich wünschen, es gäbe andere Häuser mit einem ähnlich hohen Anspruch, in denen sie und ihr Mann selbst einmal Gäste sein könnten.

Die ChaletWelt: BDSM ohne Überforderung
Anschließend betreten wir die ChaletWelt.
Auch hier dominieren freigelegte Balken, doch die Atmosphäre ist eine vollkommen andere. Der offene Dachgiebel erreicht eine Höhe von etwa acht Metern. Eine freistehende Badewanne steht unter der imposanten Holzkonstruktion. Hinzu kommen eine offene Regendusche, ein indirekt beleuchtetes künstliches Bergmassiv und ein separates, rund 50 Quadratmeter großes Spielzimmer mit langem Effektkamin.
Die BDSM-Ausstattung ist bewusst zurückhaltender als in der SchwarzenWelt. Das Apartment richtet sich insbesondere an Paare, die sich vorsichtig an Fesselspiele und andere Praktiken herantasten möchten, ohne von einer zu massiven oder klinischen Umgebung überfordert zu werden.
Auch hier entdecken wir restaurierte Elemente des ursprünglichen Hauses. Anna weist uns auf einen Kompass hin, der in den Parkettboden eingearbeitet wurde. Solche Details zeigen, dass die historische Bausubstanz nicht lediglich als Kulisse dient.
Der Gutshof hätte leicht zu einer Ansammlung austauschbarer Themenzimmer werden können. Stattdessen besitzt jedes Apartment eine eigene architektonische Identität. Schwarzer Stahl und massives Holz. Moderne Wellnessbereiche und jahrhundertealte Balken. Luxuriöse Bäder und separate Räume für Dominanz, Unterwerfung oder Fesselung.
Die Gestaltung erinnert stellenweise an die ästhetisierte BDSM-Welt von „Fifty Shades of Grey“. Doch während dort vieles bloße Filmkulisse bleibt, ist hier jedes Möbelstück tatsächlich benutzbar.
Was man auf den Bildern nicht sieht
Die weiteren Apartments können wir an diesem Tag nicht besichtigen. Sie sind leider belegt.
Nach Annas Aussage werden die Themenwelten im Sommer wie im Winter regelmäßig gebucht. Viele Termine seien weit im Voraus vergeben. Kurzfristige Möglichkeiten entstünden meist nur dann, wenn Gäste absagen. Solche freien Zeiträume veröffentlicht sie anschließend über die sozialen Medien.
Stattdessen sehen wir uns das Außengelände an: die Pferdekoppel, den Reitplatz und ein Nebengebäude, in dem eine VIP-Lounge entstanden ist. Auch dieses Gebäude wurde aufwendig saniert.
Anna zeigt auf ein anderes altes Bauernhaus auf dem Grundstück. Es wirkt auf uns, als könne es kaum noch gerettet werden. So ähnlich müsse man sich manche Teile des Gutshofs vor Beginn der Arbeiten vorstellen, sagt sie.
Erst hier wird das Ausmaß der geleisteten Arbeit wirklich greifbar. Die Themenapartments sind nur das sichtbare Ergebnis. Dahinter stehen zwei intensive Jahre des Entkernens, Schleifens, Bauens, Polsterns, Restaurierens und Improvisierens sowie die fortwährende Arbeit, die ein solches Haus bis heute verlangt.

Zwei Lebenswege treffen sich in Nordhausen
Die Geschichte des Gutshofs begann lange vor Nordhausen an zunächst zwei verschiedenen Orten. Mario betrieb bereits vor vielen Jahren ein SM-Apartment in Berlin, während Anna unabhängig davon in Dresden ein vergleichbares Konzept verwirklichte. Beide kannten daher die besonderen Anforderungen, die entstehen, wenn man Paaren einen privaten, stilvollen und zugleich funktionalen Raum für BDSM bieten möchte.
Als Anna und Mario sich kennenlernten, entwickelte sich aus ihren bisherigen Erfahrungen eine gemeinsame Idee. Statt nur ein einzelnes Apartment weiterzuführen, wollten sie mehrere unterschiedlich gestaltete Bereiche unter einem Dach schaffen. Jeder sollte seinen eigenen Charakter besitzen und den Gästen die Möglichkeit geben, zwischen verschiedenen Atmosphären, Schwerpunkten und Formen der Zweisamkeit zu wählen.
Für die Umsetzung suchten sie bewusst nach einem neuen Standort. Berlin und Dresden kamen nicht infrage. Beide Städte lagen für ihr Vorhaben geografisch zu weit im Osten, zudem waren geeignete Immobilien bereits damals vergleichsweise teuer. Ihre Vorstellungen waren klar: möglichst zentral in Deutschland, ruhig und im Grünen gelegen, gleichzeitig aber nah genug an einer Stadt, um Restaurants zu besuchen oder Unternehmungen außerhalb des Hauses zu ermöglichen.
In Nordhausen wurden sie schließlich fündig. 2012 kauften Anna und Mario den Gutshof und standen damit erst am Anfang eines gewaltigen Projekts. Das Gebäude musste umfassend saniert und auf die geplante Nutzung zugeschnitten werden. Nach eigener Aussage arbeiteten die beiden in den folgenden zwei Jahren praktisch rund um die Uhr daran.
Finanziert wurde vieles aus eigenen Mitteln. Für ein derart ungewöhnliches Konzept sei bei Banken nur wenig Begeisterung vorhanden gewesen, erinnert sich Anna. Also übernahmen sie einen großen Teil der Arbeit selbst. Sie planten, bauten, restaurierten und fanden immer wieder eigene Lösungen für die Herausforderungen eines Hauses, das mit klassischen Beherbergungskonzepten nur wenig gemeinsam hatte.
Aus den Erfahrungen zweier eigenständiger Projekte entstand so in Nordhausen etwas Neues und zwar ein Gutshof mit mehreren individuellen Welten, in denen BDSM, Rückzug, Romantik und gemeinsame Zeit auf unterschiedliche Weise ihren Platz finden. Was einst getrennt in Berlin und Dresden begonnen hatte, bekam hier ein gemeinsames Zuhause.
Erst Skepsis, dann Neugier
Heute gehört der Gutshof auch gesellschaftlich zum Ort. Zu Beginn war das keineswegs selbstverständlich.
Als sich herumsprach, welche Art von Hotel in dem alten Gebäude entstehen sollte, begann die Gerüchteküche zu brodeln. In der Nachbarschaft kursierten nach Annas Erinnerung Vorstellungen von gefesselten Menschen, die künftig aus den Fenstern hängen könnten, und von öffentlichen Szenen, die den Alltag des Dorfes verändern würden.
Zeitweise sei der Widerstand so groß gewesen, dass es beinahe wie die Bildung einer Bürgerwehr gewirkt habe. Nichts von dem, was befürchtet wurde, trat ein.
Ein Tag der offenen Tür half schließlich, die Vorbehalte abzubauen. Mehr als 120 Menschen aus der Umgebung seien gekommen, erzählt Anna. Sie wollten sehen, was sich tatsächlich hinter den Mauern befand.
Offenbar reichte dieser Einblick, um einen großen Teil der Fantasie durch Wirklichkeit zu ersetzen. Heute seien viele Menschen im Ort eher froh darüber, dass jemand das verfallende historische Gebäude übernommen und erhalten habe.
Der Gutshof wurde nicht zum befürchteten öffentlichen Fetischspektakel, sondern zu einem diskreten Hotelbetrieb, dessen ungewöhnlichste Räume von außen nicht sichtbar sind.
Vom Nischenthema ins Fernsehen
Der größere öffentliche Durchbruch kam nach Annas Einschätzung durch die mediale Berichterstattung.
Im August 2015 veröffentlichte die Bild-Zeitung einen Beitrag über das Haus. Damals bestanden vier Themenapartments; besonders die kurz zuvor eröffnete RomantikWelt wurde als vorsichtiger Einstieg für Paare vorgestellt, die durch „Fifty Shades of Grey“ neugierig geworden waren.
Im selben Jahr nahmen Anna und ihre Tochter Julia mit den „Bizarren Traumwelten“ an der VOX-Sendung „Mein himmlisches Hotel“ teil. In dem Format besuchten und bewerteten sich verschiedene Hoteliers gegenseitig. Später begleitete RTLZWEI Anna und ihre Familie für die Reportage „Sexy Family-Business – Alle müssen ran!“.
Was zuvor vor allem innerhalb der Szene bekannt war, erreichte damit ein wesentlich breiteres Publikum. BDSM erschien plötzlich nicht nur im Zusammenhang mit Clubs, Studios oder pornografischen Produktionen, sondern als Teil eines privaten Paarurlaubs.

BDSM kennt keine Altersgrenze
Das durchschnittliche Alter der Gäste liegt nach Annas Erfahrung ungefähr zwischen 45 und 55 Jahren. Gleichzeitig besuchen auch deutlich ältere Paare den Gutshof. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Paar um die 80, das einen Gutschein für einen Aufenthalt erhalten hatte.
Auch Menschen in ihren Sechzigern und Siebzigern seien keineswegs ungewöhnlich. In den vergangenen Jahren kämen zugleich mehr jüngere Gäste.
Anna verbindet diese Entwicklung unter anderem mit „Fifty Shades of Grey“. Die Bücher und Filme hätten BDSM zwar stark vereinfacht und romantisiert, vielen Menschen aber erstmals eine Sprache für Fantasien gegeben, über die sie zuvor kaum gesprochen hätten.
Die verschiedenen Themenwelten greifen unterschiedliche Erfahrungsstufen bewusst auf. Während die SchwarzeWelt ein umfangreiches klassisches BDSM-Inventar bietet, richtet sich die ChaletWelt stärker an Paare, die erste Erfahrungen in einer weniger konfrontativen Umgebung sammeln möchten.
Ergänzend bietet der Gutshof individuell abgestimmte Seminare und Sessionbegleitungen für Anfänger und Fortgeschrittene an. Dabei geht es unter anderem um Fixierungen, den Aufbau einer Session, dominante Führung und den sicheren Umgang mit unterschiedlichen Praktiken.
Während unseres Besuches erleben wir Anna als ausgesprochen offene und direkte Gesprächspartnerin. Auch Themen, bei denen andere vielleicht zunächst nach Worten suchen würden, spricht sie selbstverständlich und mit viel Humor an. Dadurch verliert manches, was von außen geheimnisvoll oder verrucht erscheinen mag, schnell seinen Schrecken.
Warum es hier bislang keine ernsthaften Unfälle gab
In der VIP-Lounge erzählt Anna von ungewöhnlichen Besuchergruppen.
Auch Mitarbeitende des DRK hätten bereits einen Rundgang gebucht, um sich über mögliche Unfallgefahren bei BDSM-Praktiken zu informieren. Ebenso haben Feuerwehrleute das Haus im Rahmen einer Führung kennengelernt.
Wer Räume mit Fixiermöbeln, Stahlkonstruktionen und verschiedensten Geräten sieht, denkt zwangsläufig auch über Risiken nach. Anna konnte ihre Besucher jedoch mit einer unerwarteten Aussage überraschen, denn in der Geschichte des Gutshofs habe es bislang keinen einzigen Unfall gegeben.
Ihre Erklärung ist einfach: Die Paare, die hierherkommen, passen aufeinander auf.
In Notaufnahmen landeten Menschen ihrer Erfahrung nach eher durch unüberlegte Experimente, bei denen Gegenstände zweckentfremdet oder ohne Partner benutzt würden. Im Gutshof seien die Gäste dagegen in der Regel gemeinsam unterwegs, sprächen sich ab und beobachteten einander.
Natürlich ist BDSM dadurch nicht automatisch ungefährlich. Auch Erfahrung schützt nicht vor jedem Fehler. Risiko entsteht jedoch nicht allein durch eine Praktik oder ein Möbelstück. Entscheidend ist ebenso, ob Menschen vorbereitet, aufmerksam und füreinander verantwortlich handeln.
Die spektakuläre Ausstattung zieht den Blick an. Die wichtigste Sicherheitsstruktur besteht im besten Fall jedoch aus Kommunikation, gegenseitiger Beobachtung und der Möglichkeit, eine Handlung jederzeit zu unterbrechen.
Offenheit braucht Grenzen
Unser Gespräch führt schließlich zu einer Frage, die Kinky Culture immer wieder beschäftigt: Wie offen sollte Kink in der Öffentlichkeit sichtbar sein?
Anna geht offen mit dem Konzept des Gutshofs und mit BDSM um. Gleichzeitig zieht sie eine klare Grenze. Menschen dürften nicht gegen ihren Willen in sexuelle Handlungen oder Inszenierungen einbezogen werden. Das gelte insbesondere dort, wo Kinder anwesend seien.
Auch innerhalb ihres eigenen Umfelds, darunter homosexuelle Bekannte und Menschen aus der BDSM-Szene, werde manche Entwicklung bei öffentlichen Veranstaltungen kritisch gesehen, berichtet sie. Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz seien wichtig. Öffentliche sexuelle Handlungen, bei denen unbeteiligte Menschen keine Möglichkeit zur Zustimmung hätten, seien jedoch etwas anderes.
Man muss nicht jede einzelne ihrer Einschätzungen teilen, um den Grundgedanken nachvollziehen zu können: Konsens endet nicht bei den unmittelbar an einer sexuellen Handlung beteiligten Personen.
Diese Haltung bestimmt auch die Regeln des Gutshofs. Das „Spielen“, wie Anna es immer wieder mit einem Augenzwinkern nennt, bleibt in den Innenräumen. Die öffentlich einsehbaren Grünflächen sind tabu. Auch eine Anreise in auffälliger Fetischkleidung ist nicht erwünscht.
Diskretion schützt damit nicht nur die Gäste, sondern ebenso das Umfeld davor, unfreiwillig Teil einer sexuellen Darstellung zu werden.

Mehr als eine außergewöhnliche Ausstattung
Auf den ersten Blick handelt es sich beim Gutshof um ein Hotel mit ungewöhnlichen Themenräumen: Stahlmöbel, Fixiermöglichkeiten, Spielgeräte, Saunen und luxuriöse Wellnessbereiche. Doch seine eigentliche Besonderheit besteht nicht in der Menge der Geräte.
Anna und Mario haben einen privaten Raum geschaffen, in dem Paare Wünsche aussprechen und ausprobieren können, die in ihrem Alltag möglicherweise keinen Platz finden. Niemand beobachtet sie. Niemand erwartet eine bestimmte Performance. Niemand muss sich innerhalb einer öffentlichen Szene beweisen.
Ein Paar kann ein Apartment betreten, die Tür schließen und selbst entscheiden, wie weit es gehen möchte. Vielleicht werden alle vorhandenen Möglichkeiten genutzt. Vielleicht bleibt ein Großteil unberührt. Vielleicht besteht der wichtigste Teil des Aufenthalts nicht in einer spektakulären Session, sondern in einem Gespräch, das zu Hause nie geführt wurde.
Wie notwendig ein solches Gespräch sein kann, zeigt eine Geschichte, an die sich Anna bis heute erinnert. Ein Mann hatte seine Frau mit einem Aufenthalt im Gutshof überraschen wollen. Wohin die Reise ging und was sie dort erwarten würde, hatte er ihr vorher nicht erzählt. Seine Vorstellung war offenbar, ihr damit eine besondere gemeinsame Erfahrung zu schenken.
Doch die Überraschung ging vollständig nach hinten los. Die Frau wollte mit BDSM und der gesamten Situation nichts zu tun haben. Aus der vermeintlich romantischen Geste wurde eine Konfrontation mit Wünschen, über die das Paar zuvor offenbar nicht offen gesprochen hatte. Später trennten sich die beiden.
Auch solche Geschichten gehören zum Gutshof. Sie machen deutlich, dass Fantasien nicht stellvertretend für einen anderen Menschen geplant werden können. Ein außergewöhnlicher Ort ersetzt weder Zustimmung noch ein ehrliches Gespräch über Wünsche, Grenzen und Erwartungen.
Der Gutshof bietet keine Garantie für Nähe, Vertrauen oder gelingenden Konsens. Er kann Paaren einen geschützten Rahmen geben, um gemeinsam etwas zu entdecken. Manchmal macht dieser Rahmen jedoch auch sichtbar, dass zwei Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was sie miteinander teilen möchten.
Schlussgedanken
Wir waren nach Nordhausen gefahren, um ein SM-Hotel kennenzulernen.
Gefunden haben wir historische Architektur, außergewöhnliche Apartments und eine Ausstattung, die in Deutschland nur schwer ein zweites Mal in dieser Form zu finden sein dürfte.
Unser Besuch war entspannt, unterhaltsam und an vielen Stellen überraschend amüsant. Das lag nicht zuletzt an Anna, die selbst über intime oder kontroverse Themen so selbstverständlich spricht, dass Berührungsängste kaum eine Chance haben.
Als wir zurückfahren, liegt die trockene Landschaft noch immer unter der sommerlichen Hitze. Doch das Gefühl, fernab der Zivilisation unterwegs gewesen zu sein, hat sich verändert.
Vielleicht liegt der Gutshof geografisch am Rand von Nordhausen. Gesellschaftlich erzählt er jedoch eine Geschichte, die längst in der Mitte angekommen ist.
Und von einem Ort, an dem Freiheit gerade deshalb möglich wird, weil seine Grenzen klar gezogen sind.
Dieser Beitrag basiert auf unserem persönlichen Besuch im Gutshof, dem anschließenden Gedächtnisprotokoll und ergänzender Recherche. Da das Gespräch spontan geführt und nicht vollständig aufgezeichnet wurde, wurden Annas Aussagen sinngemäß und überwiegend in indirekter Rede wiedergegeben.