„Fiktion ist kein Lebensratgeber“ – Jasmin Romana Welsch über Dark Romance, Fantasie und die Sehnsucht, gewollt zu werden

Teilen
© Jasmin Romana Welsch
© Jasmin Romana Welsch

Wenn Liebe ihre dunklen Seiten zeigen darf

Macht, Kontrolle, emotionale Abhängigkeit, sexuelle Fantasien und Menschen, deren Abgründe mindestens ebenso interessant sind wie ihre liebenswerten Seiten. Dark Romance erzählt nicht unbedingt von den Beziehungen, die man seinen besten Freunden guten Gewissens empfehlen würde. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil der Faszination.

Das Genre hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Was lange als Nische wahrgenommen wurde, ist in Buchhandlungen, sozialen Netzwerken und Bestsellerlisten sichtbar geworden. Gleichzeitig wird kaum ein romantisches Genre so kontrovers diskutiert. Darf man über problematische Machtverhältnisse fantasieren? Werden toxische Beziehungen romantisiert? Und was bedeutet es, wenn Leserinnen Gefallen an Figuren finden, denen sie im wirklichen Leben möglicherweise lieber nicht begegnen würden?

Hinter diesen Fragen steckt eine grundsätzlichere Debatte: Muss das, was uns in einer Fantasie reizt, auch etwas darüber aussagen, was wir in der Realität erleben möchten?

Für die österreichische Autorin Jasmin Romana Welsch ist die Antwort eng mit der Funktion von Geschichten selbst verbunden. Sie schreibt Dark Romance und bewegt sich damit bewusst in einer Welt, in der Figuren nicht immer vernünftig handeln und Beziehungen kompliziert werden dürfen. Während unseres Gesprächs erzählt sie, warum ausgerechnet diese Geschichten sie reizen.

„Grundsätzlich machen Charaktere mit zu erforschenden Abgründen und starken Begierden einem die Arbeit als Autorin immer leichter.“

„Aus flachen, braven Charakteren eine unterhaltsame Story zu pressen, ist schwer. Dort, wo es eine Nuance mehr zu erleben und zu fühlen gibt, gibt es auch immer mehr zu erzählen.“

Es ist eine bemerkenswert nüchterne Erklärung für ein Genre, das von außen häufig gerade wegen seiner Extreme betrachtet wird. Jasmin interessiert nicht zwangsläufig die Dunkelheit um ihrer selbst willen. Sie interessiert das, was sich darin entdecken lässt.

Die Antwort auf die Frage, was sie persönlich an den dunklen Seiten menschlicher Beziehungen fasziniert, ist einfach:

„Die Geschichten dahinter. Dort, wo es düsterer und gegebenenfalls auch etwas dunkler wird, gibt es immer besonders viel zu erfahren und auch zu erzählen.“

Interessant wird eine Figur für die Autorin dort, wo sie Widersprüche besitzt, wo Sehnsüchte auf Grenzen treffen und Entscheidungen nicht mehr selbstverständlich erscheinen.

Auch das klassische Happy End verliert unter dieser Perspektive seine Eindeutigkeit. Jasmin formuliert es so:

„Und das Happy End liegt am Ende für jeden dort, wo er es finden möchte.“

Unterhaltung muss kein Beziehungsratgeber sein

Genau an dieser Stelle beginnt jedoch die Kontroverse, die Dark Romance seit Jahren begleitet. Sobald Geschichten mit Kontrolle, problematischen Machtverhältnissen oder emotionaler Abhängigkeit arbeiten, steht der Vorwurf der Romantisierung im Raum.

Jasmin hält wenig davon, fiktionale Geschichten an dem Anspruch zu messen, ihren Leserinnen und Lesern moralisch einwandfreie Lebensmodelle präsentieren zu müssen.

„Für mich steckt schon im Wort ‚Unterhaltungsliteratur‘ der Anspruch an ebendiese: Unterhaltung.“

Dabei zieht sie einen Vergleich zu Genres, deren moralisch problematische Inhalte gesellschaftlich längst selbstverständlich als Fiktion akzeptiert werden.

„Die weitverbreitete Begeisterung für fiktive Morde und Verbrechen wird vom Thriller- und Krimigenre seit Jahrzehnten gut bedient. Die Kuriosität, die rund um Themen wie BDSM und sexuelle Machtgefüge entstanden ist, wird vom Dark Romance und Erotikgenre aufgefangen.“

Der Vergleich berührt eine interessante kulturelle Frage. Kaum jemand geht davon aus, dass die Begeisterung für einen Kriminalroman den Wunsch ausdrückt, selbst einen Mord zu erleben. Bei sexuellen Fantasien, Macht oder Unterwerfung wird die Trennung zwischen fiktionalem Reiz und realem Bedürfnis dagegen deutlich schneller infrage gestellt.

Für unser Magazin, das sich mit BDSM, Fetisch und alternativen Formen von Sexualität beschäftigt, ist diese Unterscheidung besonders interessant. Eine Fantasie kann erregen, faszinieren oder emotional berühren, ohne automatisch den Wunsch hervorzubringen, sie unter realen Bedingungen umzusetzen.

Jasmin formuliert ihre Haltung eindeutig:

„Ich finde, Geschichten sind hervorragende Orte, um solche Dinge in einem sicheren, unterhaltsamen Rahmen zu erleben.“

Und sie geht noch einen Schritt weiter:

„Fiktion ist kein Lebensratgeber und sollte nicht mit dem Anspruch gelesen werden, moralische Vorbilder darin finden zu müssen. Viele Charaktere, die Autoren im Unterhaltungsgenre erschaffen, sind verkorkste Seelen, weil es Spaß macht, über ihre Geschichten zu schreiben und zu lesen.“

Eine Geschichte darf einen Menschen faszinierend machen, ohne ihn zum Vorbild erklären zu müssen. Sie darf eine Situation aufregend erscheinen lassen, die man selbst niemals erleben möchte. Genau diese Freiheit bildet den Ausgangspunkt für ihre Geschichten.

Wenn aus einer Vereinbarung plötzlich Gefühle werden

In ihrer Like-Love-Reihe wird aus dem abstrakten Spiel mit Macht, Begehren und moralischen Grauzonen eine konkrete Geschichte.

Im Mittelpunkt von LIKE LOVE BUT DARKER stehen Hazel und Aiden. Sie ist Studentin, er ihr Philosophieprofessor – älter, erfahrener und damit von Beginn an in einer Position, die ein deutliches Gefälle zwischen beiden entstehen lässt. Dass Jasmin ihren männlichen Protagonisten ausgerechnet in dieser Rolle angelegt hat, war keine zufällige Entscheidung.

„Ich mag kluge, erfahrene Männer. Aiden zu einem Philosophieprofessor, mit einem deutlich höheren Erfahrungslevel als Hazel, zu machen, fand ich spannend.“

Dabei folgt sie einem einfachen Maßstab. Die Geschichte muss zunächst sie selbst überzeugen.

„Der Anspruch, den ich an meine Geschichten stelle, ist in erster Linie der, dass sie mich selbst als Leserin unterhalten würden.“

Damit beginnt die Reihe nicht bei einer theoretischen Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, sondern bei einer Konstellation, die für ihre Autorin erzählerisches Potenzial besitzt. Interessant wird sie gerade deshalb, weil die Ausgangslage nicht ausgeglichen ist. Erfahrung, Position und Wissen sind unterschiedlich verteilt, während gleichzeitig eine gegenseitige Anziehung entsteht.

Die "LIKE LOVE BUT DARKER" - Reihe von Jasmin Romana Welsch
Die "LIKE LOVE BUT DARKER" - Reihe von Jasmin Romana Welsch

111 Tage für eine Fantasie

Zwischen Aiden und Hazel existiert schließlich eine Vereinbarung, die ihrer Beziehung zunächst einen definierten Rahmen gibt. 111 Tage sollen ihnen Raum geben, sexuelle Fantasien miteinander auszuleben. Was nach einer kontrollierbaren Abmachung klingt, bleibt jedoch nicht ausschließlich auf der körperlichen Ebene.

Genau diese Verschiebung war für Jasmin ein entscheidender Reiz der Geschichte.

„Ursprünglich schafft die Vereinbarung zwischen Aiden und Hazel einen Rahmen für beide, sich sexuelle Fantasien zu erfüllen. Ich fand es interessant, eine Geschichte zu erzählen, deren Fokus zuerst stark auf Erotik liegt, sich dann aber in einer Art von emotionaler Komplexität verstrickt, die den Spannungsbogen auf die Gefühlsebene verlagert.“

Damit wird ausgerechnet die Begrenzung zum Motor der Geschichte. Eine Vereinbarung kann Bedingungen festlegen und einen Zeitraum definieren. Gefühle halten sich jedoch nicht zwangsläufig an die Regeln, die Menschen für sie vorgesehen haben.

Das ist auch außerhalb von Dark Romance ein vertrautes Motiv. Zwei Menschen glauben zu wissen, worauf sie sich einlassen, bis die emotionale Realität komplizierter wird als die ursprüngliche Abmachung. In der Geschichte wird diese Entwicklung durch das vorhandene Machtgefälle zusätzlich aufgeladen.

Interessant ist dabei weniger die Frage, ob eine solche Konstellation als Vorbild für eine reale Beziehung taugt. Jasmin hat bereits deutlich gemacht, dass sie diesen Anspruch an Fiktion nicht stellt. Interessanter ist, welche erzählerischen Möglichkeiten entstehen, wenn Begehren zunächst Regeln bekommt und anschließend beginnt, diese Regeln emotional zu überholen.

Eine Geschichte beginnt mit einem Gedanken

Das passt zu der Arbeitsweise der Autorin. Am Anfang ihrer Geschichten steht häufig weder ein vollständig entwickelter Plot noch eine bis ins Detail ausgearbeitete Figur. Oft genügt eine einzelne Situation.

„Meist ist es eine bestimmte Szene, die ich im Kopf habe, aus der dann alles wächst.“

Bei Hazel und Aiden war diese Ausgangsszene bereits erstaunlich konkret:

„Im Fall von ›LIKE LOVE BUT DARKER‹ war es der Moment, in dem dein wahnsinnig attraktiver Philosophieprofessor aus einem deiner Aufsätze über Sehnsüchte schließt, dass du eine sehr kompatible Gespielin für ihn wärst, und er dir ein Angebot macht.“

Darin steckt bereits vieles von dem, was die spätere Geschichte prägt: intellektuelle Nähe und Hierarchie, Beobachtung und Begehren, ein ausgesprochenes Angebot und die Aussicht darauf, eine bislang vielleicht nur gedachte Seite der eigenen Sexualität zu erkunden.

Aus einem Gedanken entsteht eine Dynamik und aus dieser Dynamik schließlich eine ganze Geschichte.

© Jasmin Romana Welsch
© Jasmin Romana Welsch

Was von der Autorin zwischen den Seiten zurückbleibt

Wer Geschichten über Sehnsüchte, Macht und sexuelle Fantasien schreibt, wird früher oder später mit einer naheliegenden Frage konfrontiert: Wie viel davon gehört eigentlich zur Autorin selbst?

Gerade bei Dark Romance scheint die Neugier besonders groß zu sein. Während kaum jemand einen Krimiautor danach fragt, ob sich in einem fiktiven Mord seine heimlichen Wünsche verbergen, werden erotische Literatur und ihre Urheberinnen schnell persönlicher gelesen. Woher stammen bestimmte Fantasien? Was ist beobachtet, was recherchiert, was erfunden und was entspringt vielleicht den eigenen Vorstellungen?

Jasmin versucht gar nicht erst, zwischen ihrer Person und ihren Geschichten eine vollkommen undurchlässige Grenze zu ziehen. Auf die Frage, ob eigene Fantasien in ihre Bücher einfließen, antwortet sie mit einem Satz, der viel offenlässt und gerade deshalb bemerkenswert ist:

„Man lässt als Autorin immer etwas von sich selbst in seinen Geschichten liegen. Selbst wenn man noch so gut zwischen den Seiten aufräumt.“

Das bedeutet nicht, dass jede Szene als versteckte autobiografische Erzählung gelesen werden sollte. Vielmehr steckt darin etwas, das für Literatur grundsätzlich gilt: Wer Figuren erschafft, muss ihnen Gedanken, Ängste, Wünsche und Sehnsüchte geben. Selbst vollständig erfundene Menschen entstehen nicht in einem Vakuum.

Für Jasmin bietet Fiktion dabei einen besonderen Freiraum.

„Für mich sind Geschichten ein Ort, an dem man Menschen begegnen und sich in Situationen verlieren kann, die es in dieser Form im echten Leben nicht gibt. Zumindest nicht in dieser für Unterhaltung polierten und sicheren Form.“

Gerade der letzte Gedanke ist entscheidend. Literatur kann Situationen verdichten, Zufälle arrangieren und Gefahren innerhalb einer erzählerischen Konstruktion kontrollieren. Die Realität besitzt keinen solchen unsichtbaren Regisseur.

Figuren entstehen nicht erst auf Seite eins

Dass die Charaktere nicht lediglich Träger einer erotischen oder dramatischen Handlung sein sollen, zeigt sich an der Vorbereitung ihrer Geschichten. Bevor Jasmin eine Figur handeln lässt, möchte sie verstehen, wer dieser Mensch innerhalb ihrer fiktionalen Welt eigentlich ist.

„Ich verwende viel Zeit dafür, meine Figuren kennenzulernen, bevor ich ihre Geschichte erzähle.“

Dabei beschäftigt sie sich mit weit mehr als den Informationen, die später tatsächlich im Buch auftauchen.

„Es ist mir wichtig zu wissen, wie sie aufgewachsen sind, wovor sie Angst haben, was ihr bestes Schulfach war, wie sie ihr erstes Mal erlebt haben, selbst wenn es in der Geschichte selbst keine direkte Rolle spielt.“

Für sie bildet dieses Wissen das Fundament dafür, dass Reaktionen und Beziehungen nachvollziehbar werden.

„Umso genauer ich meine Protagonisten kenne, umso natürlicher kann ich sie interagieren lassen. Umso spannender und komplexer klingen sie dann auch.“

Gerade bei Geschichten, deren Spannung wesentlich aus zwischenmenschlichen Dynamiken entsteht, ist diese Vorarbeit entscheidend. Dominanz, Hingabe, Eifersucht, Besitzdenken oder emotionale Abhängigkeit wirken nicht allein deshalb glaubwürdig, weil eine Figur entsprechend bezeichnet wird. Entscheidend ist, warum ein Mensch innerhalb der Geschichte auf eine bestimmte Weise handelt, was ihn antreibt und an welchen Punkten seine vermeintliche Stärke ins Wanken gerät.

So bekommen auch jene Abgründe, von denen Jasmin spricht, einen Hintergrund. Sie sind nicht bloß dekorative Dunkelheit, sondern Teil von Figuren, die in der Vorstellung ihrer Autorin schon existieren, bevor ihre Geschichte auf Seite eins beginnt.

Die Sehnsucht, wirklich gewollt zu werden

Warum faszinieren uns Figuren, vor denen wir einer Freundin oder einem Freund im wirklichen Leben vielleicht eher abraten würden?

Dark Romance lebt von Charakteren, die selten nur ein bisschen verliebt sind. Sie begehren intensiv, beanspruchen den anderen für sich und sind nicht selten kontrollierend oder moralisch ambivalent. Gerade diese Überzeichnung gehört zum Reiz des Genres. Doch möglicherweise steckt dahinter eine erstaunlich alltägliche Sehnsucht.

Jasmin vermutet den Ursprung weniger in einer heimlichen Vorliebe für problematische Beziehungen als in dem Wunsch, von einem anderen Menschen wirklich und uneingeschränkt gewollt zu werden.

„Ich denke, das rührt aus dem Wunsch des Gewolltwerdens.“

Ihre Erklärung führt aus der fiktionalen Welt unmittelbar in die Gegenwart.

„Wir leben in Zeiten, in denen viele wissen, wie es sich anfühlt, geghostet zu werden, in denen sich erste Dates nach Massenware anfühlen und Beziehungen mit einem hinnehmenden Schulterzucken am Leben gehalten werden.“

Es ist ein interessanter Gegensatz. Auf der einen Seite steht eine Datingkultur, in der der nächste Kontakt manchmal nur eine Wischbewegung entfernt scheint. Auf der anderen Seite erzählen Bücher von Menschen, deren Begehren kaum größer sein könnte. Wo die Realität mitunter unverbindlich wirkt, bietet die Fiktion das genaue Gegenteil: absolute Aufmerksamkeit.

Die Autorin beschreibt diesen Gegensatz sehr deutlich:

„Der dich brennend wollende Buchcharakter, der alles dafür geben würde, dich zu besitzen und nach nichts mehr lechzt als nach Zweisamkeit mit dir, ist dann die überzeichnete Version einer Sehnsucht, die im kargen Gefühlsalltag entsteht.“

Damit eröffnet sich eine weitere Perspektive auf den häufig kritisierten Besitzanspruch vieler Dark-Romance-Figuren. Er muss nicht Ausdruck eines realen Wunsches nach Kontrolle durch einen Partner sein. In der Überzeichnung kann er ebenso für etwas sehr Grundsätzliches stehen, nämlich die Fantasie, für einen Menschen nicht austauschbar zu sein.

Wenn Übertreibung zum Gegenentwurf wird

Dark Romance arbeitet selten mit Zurückhaltung, wenn es um Begehren geht. Menschen werden nicht beiläufig interessant gefunden. Sie werden begehrt, gesucht, beansprucht und manchmal geradezu obsessiv in den Mittelpunkt gestellt.

Im wirklichen Leben können genau solche Verhaltensweisen problematisch werden. Besitzdenken ist kein Beweis für Liebe, Kontrolle keine Voraussetzung für Nähe und Obsession keine Garantie für eine gesunde Beziehung. Innerhalb einer fiktionalen Geschichte können dieselben Motive jedoch eine andere Funktion übernehmen. Sie verdichten ein Gefühl, bis es größer wird als der Alltag.

Die Fantasie muss keine Beziehung hervorbringen, die über Jahre funktioniert, keine gemeinsamen Rechnungen bezahlen und keinen Konflikt am Frühstückstisch lösen. Sie darf einen einzelnen Wunsch nehmen und ihn überzeichnen.

Bei Dark Romance kann dieser Wunsch lauten: Ich möchte so sehr begehrt werden, dass für diesen Menschen niemand anderes infrage kommt. Das bedeutet nicht zwangsläufig: Ich möchte im wirklichen Leben kontrolliert werden.

Diese Differenzierung ist auch aus der Welt des Kinks bekannt. Eine Fantasie von Unterwerfung bedeutet nicht automatisch den Wunsch nach Machtlosigkeit im Alltag. Ebenso wenig muss die Faszination für einen obsessiven Romancharakter bedeuten, dass dieselben Verhaltensweisen bei einem realen Partner akzeptiert würden.

Fantasien sprechen ihre eigene Sprache. Wer sie ausschließlich wörtlich liest, übersieht möglicherweise, welches Bedürfnis sich hinter ihrem eigentlichen Motiv verbirgt.

Ein Genre wird laut

Dass Dark Romance gerade in den vergangenen Jahren eine so große Leserschaft gefunden hat, erklärt Jasmin allerdings nicht nur mit den Inhalten der Geschichten. Für sie hat der Erfolg auch etwas mit den Leserinnen selbst und ihrem veränderten Auftreten zu tun.

„Ich denke, viele Leserinnen haben sich plötzlich endlich wieder gesehen gefühlt, da das Genre des ›Frauenromans‹ schon lange einen eher kitschigen, staubigen Beigeschmack hatte.“

Dark Romance bot einen Gegenentwurf. Nicht unbedingt leise, romantisch und gesellschaftlich gefällig, sondern bewusst überzeichnet und offen in der Beschäftigung mit weiblichem Begehren.

„Daraus auszubrechen und etwas ›Lautes‹, ›Verrücktes‹, ›Frivoles‹ in die Öffentlichkeit zu heben, hat sicher auch für ein Gemeinschaftsgefühl gesorgt.“

Jasmin sieht darin auch eine wirtschaftliche und kulturelle Aussage:

„Und es hat aufgezeigt, wie viel Macht die weibliche Leserschaft am Buchmarkt hat.“

Der Boom lässt sich damit nicht allein auf dominante Protagonisten oder explizitere Geschichten reduzieren. Er erzählt auch davon, dass Leserinnen ihre Interessen sichtbar machen und Literatur einfordern, die nicht zwangsläufig dem traditionellen Bild dessen entspricht, was romantische Unterhaltung für Frauen sein sollte.

© Jasmin Romana Welsch
© Jasmin Romana Welsch

„LeserInnen sind klug“ – wie viel Verantwortung braucht Fiktion?

Je dunkler eine Geschichte wird, desto schneller stellt sich die Frage nach ihrer Wirkung. Darf Literatur problematische Beziehungen zeigen, ohne sie anschließend einzuordnen? Muss sie deutlich machen, dass bestimmte Verhaltensweisen außerhalb der Fiktion gefährlich wären? Oder beginnt eine solche Erwartung irgendwann, dem Publikum genau jene Fähigkeit abzusprechen, die beim Lesen eigentlich selbstverständlich sein sollte und zwar zwischen einer Geschichte und dem eigenen Leben unterscheiden zu können?

Für Jasmin ist die Antwort ziemlich eindeutig. Sie setzt auf die Urteilskraft ihrer Leserinnen und Leser.

„Ich denke, man darf den LeserInnen allgemein sehr viel Differenzierungsgabe und Situationsbewusstsein zusprechen.“

Damit berührt sie einen Punkt, der in Diskussionen über Dark Romance häufig untergeht. Die Debatte konzentriert sich schnell darauf, was Bücher mit Menschen machen könnten. Weniger häufig wird gefragt, mit welchem Bewusstsein Menschen solche Bücher überhaupt lesen.

„Die allerwenigsten verlieren sich im Rahmen von Geschichten und Filmen in der Illusion, etwas daraus wäre real oder als Lebensempfehlung gemeint.“

Ihr darauffolgender Satz bringt ihre Haltung besonders deutlich auf den Punkt:

„LeserInnen sind klug. Und lassen sich in den meisten Fällen einfach gerne auf eine Reise in eine Fantasiewelt ein.“

Wenn eine Fantasie keine Rechtfertigung braucht

Hinter der Diskussion über die Verantwortung von Literatur verbirgt sich damit noch eine andere Frage: Welche Fantasien dürfen Menschen genießen, ohne sich dafür erklären zu müssen?

Wer sich von einer dominanten oder obsessiven Romanfigur faszinieren lässt, befürwortet damit nicht automatisch deren Verhalten in der Realität. Wer eine Geschichte über ein extremes Machtgefälle spannend findet, muss ein solches Gefälle nicht für die eigene Partnerschaft suchen.

Diese Trennung ist für viele Menschen innerhalb der BDSM- und Kink-Welt keineswegs ungewöhnlich. Auch dort kann zwischen Fantasie und tatsächlich gelebter Praxis ein erheblicher Unterschied bestehen. Manche Vorstellungen bleiben bewusst Kopfkino, andere werden in abgesprochener Form umgesetzt.

Dark Romance bietet ebenfalls einen fiktionalen Raum, ohne deshalb mit gelebtem BDSM gleichgesetzt werden zu können. Ein Roman folgt einer Dramaturgie. Reale Machtspiele zwischen Menschen benötigen dagegen Kommunikation, Grenzen und Verantwortung. Was auf einer Buchseite durch die Autorin kontrolliert wird, muss im wirklichen Leben von den Beteiligten miteinander ausgehandelt werden.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, aus einer literarischen Vorliebe unmittelbar auf reale Bedürfnisse zu schließen.

Jasmin begegnet der Sorge um ihre Leserinnen mit Gelassenheit. Ihr Satz an Menschen, die Dark Romance skeptisch gegenüberstehen, könnte kaum deutlicher sein:

„Wir Leserinnen und Autorinnen kennen den Unterschied zwischen Realität und Geschichten, ihr braucht keine Angst um uns zu haben. Wir haben eine gute Zeit.“

Man kann über einzelne Bücher, Darstellungen und Grenzen des Genres streiten. Kritik an Literatur gehört ebenso zu einer lebendigen Kultur wie die Freiheit, sie zu schreiben und zu lesen. Interessant wird es dort, wo aus Kritik die Annahme entsteht, erwachsene Leserinnen könnten problematische Fiktion nur dann konsumieren, wenn ihnen gleichzeitig erklärt wird, wie sie diese zu bewerten haben.

Jasmins Haltung setzt an einer anderen Stelle an, nämlich bei der Mündigkeit des Publikums.

Ein Universum, das nach der letzten Seite weiterlebt

Bei aller Diskussion über Dark Romance, Machtverhältnisse und die Bedeutung von Fantasien bleibt Jasmin Romana Welsch vor allem eine „Geschichtenerzählerin“.

Dass ausgerechnet Aiden für sie eine besondere Figur geworden ist, überrascht deshalb kaum. Der Philosophieprofessor, mit dessen Angebot die Geschichte von LIKE LOVE BUT DARKER ihren Ausgang nimmt, entwickelte sich im Verlauf der Reihe zu einem Charakter, auf den sie heute besonders gerne zurückblickt.

„Ich liebe Aiden als Charakter. Ich denke, er ist einer meiner bisher komplexesten und auch spannendsten Protagonisten.“

Bei Aiden und Hazel führte der Weg von einer erotischen Ausgangssituation schließlich weit über die ursprüngliche 111-Tage-Vereinbarung hinaus. Für Jasmin selbst lag eine der Herausforderungen darin, die verschiedenen Ebenen der Geschichte miteinander zu verbinden. Besonders das Thriller-Element, das zum Ende der Reihe stärker hervortritt, bedeutete für sie erzählerisches Neuland.

„Außerdem bin ich stolz auf das Thriller-Element, das sich, gerade am Ende der Reihe, in den Vordergrund stellt. Handlungsstränge auf diese Art zu vernetzen, war neu für mich und herausfordernd, aber am Ende lohnend.“

Mit dem Ende dieser Geschichte verschwindet ihre Welt allerdings nicht.

Neue Figuren, vertraute Welt

Als Autorin hat Jasmin ihre Bücher als gemeinsames Universum angelegt. Geschichten können enden, während die Welt, in der sie stattgefunden haben, bestehen bleibt.

„All meine Titel spielen im selben Buchuniversum.“

Nach LIKE LOVE BUT DARKER bleibt deshalb London auch weiterhin der Mittelpunkt. Nur die Menschen, deren Geschichte sie als Nächstes erzählen möchte, ändern sich.

„Deshalb geht es nach ›LIKE LOVE BUT DARKER‹ auch in London weiter. Diesmal mit der Geschichte eines jungen Physikers, der ein dunkles Geheimnis hütet.“

Mehr verrät sie an dieser Stelle nicht. Doch die wenigen Worte lassen erkennen, dass sie ihrem erzählerischen Prinzip treu bleibt. Wieder steht ein Mensch im Mittelpunkt, bei dem hinter der sichtbaren Oberfläche etwas verborgen liegt.

Vielleicht beschreibt genau das ihre Arbeit besser als die Genrebezeichnung Dark Romance allein. Jasmin sucht nach Figuren, bei denen es etwas freizulegen gibt. Menschen, deren Wünsche nicht sofort verständlich sind und deren Geschichten interessanter werden, sobald die scheinbar einfache Oberfläche Risse bekommt.

Eine Auszeit vom eigenen Alltag

Bleibt die Frage, was von solchen Geschichten am Ende zurückbleiben soll.

Keine Anleitung für Beziehungen, wie Jasmin deutlich gemacht hat. Auch keine moralische Lektion darüber, welche Fantasien richtig oder falsch sind. Ihr eigener Anspruch ist wesentlich unmittelbarer.

Auf die Frage, wofür sie als Autorin einmal in Erinnerung bleiben möchte, antwortet sie nicht mit Verkaufszahlen, literarischer Anerkennung oder dem Wunsch, ein Genre verändert zu haben.

„Für den Eskapismus, den meine Geschichten schenken konnten.“

Und sie ergänzt:

„Ich freue mich, wenn jemand in meinen Büchern eine kurze Auszeit vom Alltag in Form von hoffentlich guter Unterhaltung machen kann.“

Nach einem Gespräch über dunkle Fantasien, obsessive Figuren, Machtgefälle und gesellschaftliche Kritik wirkt diese Antwort beinahe unspektakulär. Gerade deshalb passt sie.

Denn vielleicht müssen wir nicht aus jeder Fantasie eine Diagnose und nicht aus jeder Geschichte eine Anleitung machen. Literatur kann Fragen aufwerfen, Grenzen verschieben und uns mit Figuren konfrontieren, denen wir im wirklichen Leben möglicherweise aus dem Weg gehen würden. Sie kann uns Dinge fühlen lassen, die wir nicht erleben möchten, und für einige hundert Seiten Sehnsüchte überzeichnen, ohne daraus einen Anspruch an die Realität abzuleiten.

Manchmal darf ein Buch auch einfach das sein, was Jasmin Romana Welsch sich für ihre Geschichten wünscht: eine kurze Auszeit vom Alltag.

Weiterlesen

„Familie. Das hätte ich gerne gehabt.“

„Ich passe in keine Schublade“ – André Weisser über Vielfalt, Hingabe und der Suche nach dem passenden Gegenüber

Dominant oder devot, Top oder Bottom, klar definierte Vorliebe oder festgelegte Rolle. Gerade innerhalb der BDSM- und Fetischszene gehören solche Begriffe für viele Menschen ganz selbstverständlich zur eigenen Identität. Sie helfen dabei, Wünsche zu beschreiben, Gleichgesinnte zu finden und sich selbst einzuordnen. André tut sich mit solchen Kategorien schwer. Nicht,

Von Luna