„Ich habe nie verstanden, warum ich mich verstecken sollte.“
Zwischen Lack, Latex und Lebensfreude – Warum Uwe Ortmann seit Jahrzehnten konsequent seinen eigenen Weg geht
Es gibt Menschen, die schon auf den ersten Blick Erwartungen durchbrechen. Uwe Ortmann gehört dazu. Wer Fotos von ihm sieht, entdeckt einen Mann in schwarzem Latex, mit einem breiten Metallhalsband und einer Ausstrahlung, die viele zunächst eher mit einem Fetischclub als mit einer Kneipe in Ostwestfalen verbinden würden. Doch wer mit ihm spricht, merkt schnell, dass genau diese äußere Erscheinung nur einen kleinen Teil seiner Geschichte erzählt.
Seit vielen Jahren steht Uwe gemeinsam mit seinem Bruder hinter dem Tresen des “Ortmann's Anno 1966“ in Bad Salzuflen. Für seine Stammgäste ist er längst nicht mehr „der Mann im Latex“, sondern vor allem ein humorvoller Gastgeber, Gesprächspartner und Kneipenwirt. Sein Outfit, das Außenstehende zunächst überrascht, gehört für viele Besucher inzwischen ganz selbstverständlich zum Bild der Kneipe. So selbstverständlich, dass Uwe heute schmunzelnd erzählt:
„Wenn ich mal in Jeans komme, weil ich vorher noch etwas anderes erledigen musste, bekomme ich eher Ärger. Dann fragen die Leute, was denn mit mir los ist.“
Dieser Satz beschreibt vermutlich besser als jede ausführliche Erklärung, wie sehr sich die Wahrnehmung im Laufe der Jahre verändert hat. Was für Fremde ungewöhnlich erscheint, ist für die Menschen, die ihn kennen, längst zur Normalität geworden.
Genau diese Selbstverständlichkeit hat mich neugierig gemacht. Nicht, weil Uwe offen BDSM lebt. Geschichten darüber gibt es viele. Spannend wurde für mich vielmehr die Frage, wie es einem Menschen gelingt, über Jahrzehnte hinweg so selbstverständlich zu einem Teil seiner Persönlichkeit zu stehen, den andere lieber verborgen halten. Wie lebt man in einer vergleichsweise kleinen Stadt offen einen Fetisch? Wie reagieren Familie, Freunde und Nachbarn? Und warum entschied sich jemand schon als Jugendlicher gegen den vermeintlich einfacheren Weg des Versteckens?
Im Verlauf unseres Gesprächs wird schnell deutlich, dass Uwe auf diese Fragen keine großen Theorien hat. Er spricht weder über Identitätspolitik noch über gesellschaftliche Debatten. Er versucht nicht, andere von seiner Lebensweise zu überzeugen. Stattdessen erzählt er mit einer bemerkenswerten Gelassenheit von einem Leben, das für ihn nie außergewöhnlich war.
„Für mich war das immer normal.“
Es ist ein Satz, der zunächst unscheinbar wirkt. Doch je länger man ihm zuhört, desto deutlicher wird, dass genau darin der Kern seiner Geschichte liegt. Uwe hat nie beschlossen, mutig oder besonders zu sein. Er hat lediglich nie verstanden, warum er einen Teil seiner Persönlichkeit verstecken sollte, solange er damit niemandem schadet.
Diese Haltung begleitet ihn nicht erst seit einigen Jahren. Sie reicht zurück bis in seine Kindheit. In eine Zeit, in der Begriffe wie BDSM oder Fetisch außerhalb kleiner Szenen kaum bekannt waren und das Internet noch Zukunftsmusik war.
Als es noch keine Begriffe für das gab, was er fühlte
Wenn Menschen rückblickend über ihre sexuelle Identität sprechen, suchen viele nach einem Schlüsselmoment. Irgendein Erlebnis, das alles verändert hat. Eine Begegnung, die etwas ausgelöst hat. Uwe dagegen erzählt seine Geschichte mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Er habe nie darüber nachgedacht, warum er bestimmte Dinge mochte oder woher seine Neigungen kamen. Für ihn seien sie einfach da gewesen.
„Ich war für mich immer normal. Ich habe nie versucht herauszufinden, warum das so ist.“
Schon als Kind zog es ihn beim Cowboy-und-Indianer-Spielen immer wieder an den Marterpfahl. Während andere möglichst schnell wieder losgebunden werden wollten, empfand er genau diesen Moment als spannend. Gleichzeitig entwickelte er eine Faszination für Frauen in Leder. Beides konnte er damals natürlich nicht einordnen. Er wusste weder, dass andere Menschen ähnliche Empfindungen hatten, noch gab es Begriffe, mit denen er sie hätte beschreiben können.
Man darf nicht vergessen, in welcher Zeit sich diese Geschichte abspielt. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war BDSM kein Thema, über das öffentlich gesprochen wurde. Es gab weder Internetforen noch soziale Medien oder Podcasts, in denen Menschen offen über ihre Vorlieben berichteten. Selbst Fachliteratur war kaum erhältlich. Wer anders empfand, musste seine Antworten oft selbst finden.
Eine kleine Anekdote bringt diese Zeit auf den Punkt. Als junger Mann betrat Uwe eine Buchhandlung und fragte nach Büchern über „SM“. Die Verkäuferin verschwand zwischen den Regalen und kam kurze Zeit später mit einem Fachbuch über Multiple Sklerose zurück. Die Abkürzung sagte ihr etwas, allerdings etwas völlig anderes, als Uwe gemeint hatte.
Heute kann er über diese Geschichte lachen. Damals zeigte sie ihm vor allem, wie unbekannt dieses Thema selbst für Menschen war, die täglich mit Büchern arbeiteten.
Rückblickend wirkt diese Episode fast charmant. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie sehr sich die Welt verändert hat. Heute reichen wenige Klicks, um unzählige Informationen über BDSM zu finden. Damals blieb vielen Menschen nur der eigene Weg ohne Orientierung und ohne Gewissheit, ob es überhaupt andere gab, die ähnlich empfanden.
Vielleicht entwickelte Uwe gerade deshalb schon früh eine Eigenschaft, die ihn bis heute auszeichnet. Er wartete nie darauf, dass andere ihm erklärten, wer er sein durfte. Er entschied das selbst.
Vertrauen statt Heimlichkeiten
Seine erste sexuelle Beziehung begann vergleichsweise spät. Mit 25 Jahren hatte Uwe zum ersten Mal Geschlechtsverkehr. Nicht etwa aus Unsicherheit oder mangelnden Gelegenheiten, sondern weil ihn das, was viele als selbstverständlich ansehen, nie besonders gereizt hatte.
„Normaler Sex hat mich eigentlich nie interessiert.“
Als er seine damalige Partnerin kennenlernte, wusste er, dass seine Vorlieben früher oder später zur Sprache kommen mussten. Für ihn wäre eine Beziehung, in der er einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit dauerhaft verborgen hätte, nicht denkbar gewesen. Gleichzeitig wusste er natürlich, dass BDSM damals alles andere als alltäglich war. Entsprechend vorsichtig tasteten sich beide an das Thema heran.
Was folgte, war kein spektakulärer Einstieg in die Szene, sondern ein gemeinsames Entdecken. Sie liefen beide gemeinsam in Leder durch die Stadt, kauften ihre ersten Spielzeuge, besuchten Sexshops und machten Erfahrungen, die beide bis dahin nicht kannten. Öffentlich blieb das allerdings zunächst ihr gemeinsames Geheimnis.
„Das war ihr Wunsch damals.“
Gerade diese Rücksichtnahme zieht sich durch seine gesamte Erzählung. Wer mit Uwe spricht, merkt schnell, dass BDSM für ihn niemals bedeutet, den eigenen Willen gegen den eines anderen durchzusetzen. Vertrauen ist für ihn die eigentliche Grundlage jeder Beziehung. Erst wenn beide Menschen sich sicher fühlen, können Dominanz und Hingabe überhaupt entstehen.
Auch später machte er immer wieder dieselbe Erfahrung. Mehrere seiner Partnerinnen hatten zunächst keinerlei Berührungspunkte mit BDSM. Gemeinsam entwickelten sie Schritt für Schritt ihren eigenen Zugang dazu. Dass viele dieser Frauen ihre Neigungen bis heute ausleben, freut ihn natürlich.
„Wir haben teilweise heute noch Kontakt. Ich finde es schön zu sehen, dass sie ihren eigenen Weg gefunden haben.“
Uwe wollte seine Partnerinnen nie in eine Rolle drängen. Er wollte sie vielmehr dabei begleiten, ihre eigenen Wünsche kennenzulernen. Vielleicht erklärt genau das, weshalb seine Beziehungen trotz Trennungen oft von gegenseitigem Respekt geprägt geblieben sind.
Für ihn endet BDSM ohnehin nicht mit Fesseln, Leder oder Latex. Die eigentliche Faszination liegt in der Dynamik zwischen zwei Menschen.
„Es geht um Vertrauen. Ohne Vertrauen funktioniert gar nichts.“
Diese Überzeugung erklärt auch, warum Uwe bis heute lieber allein lebt, als eine Beziehung einzugehen, in der dieser Teil seiner Persönlichkeit keinen Platz hätte. Seit zehn Jahren ist er daher Single.
„Wenn eine Frau mit meinen Neigungen nichts anfangen kann, passt es eben nicht. Dann bleibe ich lieber allein.“
In einer Zeit, in der Beziehungen häufig von Kompromissen geprägt sind, wirkt diese Haltung fast radikal. Für Uwe ist sie jedoch nichts anderes als Ehrlichkeit, sich selbst und der Partnerin gegenüber.

Zwischen Neugier und Normalität
Wer einen Fetisch offen lebt, muss sich zwangsläufig mit den Reaktionen seiner Umwelt auseinandersetzen. Zumindest würde man das vermuten. Die Geschichte von Uwe ist jedoch weniger von Konflikten geprägt als von einer erstaunlichen Entwicklung. Aus anfänglicher Verwunderung wurde über die Jahre Normalität.
Natürlich erinnert er sich an Situationen, in denen Menschen stehen blieben oder genauer hinsahen. Ein Mann in schwarzem Latex mit Halsband fiel vor dreißig oder vierzig Jahren deutlich stärker auf als heute. Doch Angst vor den Blicken anderer habe er nie verspürt.
„Mich hat nie interessiert, was andere über mich denken.“
Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Er trägt Latex nicht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gleichzeitig zieht er sich aber auch nicht um, nur damit sich andere wohler fühlen. Für ihn wäre beides unehrlich.
Dass diese Haltung nicht immer auf Verständnis stieß, verschweigt er nicht. Gerade in jüngeren Jahren reagierte seine Familie eher skeptisch auf seine Kleidung und seine Vorlieben. Begeistert sei niemand gewesen. Wirklich beeinflusst habe ihn das allerdings nie.
„Natürlich fanden sie das nicht toll.“
Uwe versucht nicht, andere Menschen von seiner Lebensweise zu überzeugen. Er fordert lediglich dieselbe Freiheit für sich ein, die er jedem anderen ebenfalls zugesteht.
Vielleicht erklärt genau das, warum aus vielen neugierigen Blicken im Laufe der Jahre Gespräche wurden. Menschen fragten nach, wollten verstehen oder erzählten plötzlich von eigenen Erfahrungen und Gedanken, die sie bisher kaum jemandem anvertraut hatten.
„Die meisten reagieren einfach neugierig. Daraus ergeben sich oft richtig gute Gespräche.“
Es sind diese Begegnungen, die seine Geschichte interessant machen. Nicht, weil sie spektakulär wären, sondern weil sie zeigen, dass Offenheit häufig etwas anderes hervorbringt als Ablehnung. Manchmal genügt ein Mensch, der selbstverständlich zu sich selbst steht, um Vorurteile ins Wanken zu bringen.
Eine Leine, die auch heute noch für Gesprächsstoff sorgt
Die schönsten Auftritte in der Öffentlichkeit liegen laut Uwe inzwischen rund zwei Jahrzehnte zurück und haben sich dennoch tief in das Gedächtnis vieler Menschen in Bad Salzuflen eingebrannt.
Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin spazierte Uwe in Lack und Latex durch die Stadt. Sie trug ein Halsband, er führte sie an einer Leine. Sie gingen einkaufen, besuchten Lokale und bewegten sich durch den öffentlichen Raum, ohne daraus eine Inszenierung zu machen.
„Man spricht in Bad Salzuflen heute noch drüber.“
Wer diesen Satz hört, könnte vermuten, Uwe habe bewusst provozieren wollen. Für ihn war die Leine aber nur Teil eines gemeinsamen Rollenspiels, das beide einvernehmlich lebten. Entscheidend ist dabei ein Aspekt, den er mehrfach betont.
„Ich habe aber nie mit meiner Freundin in der Öffentlichkeit was gemacht, was sie erniedrigt. Immer auf Augenhöhe.“
Aus heutiger Sicht lässt sich diese Episode unterschiedlich bewerten. Während Uwe sie als einvernehmlichen Ausdruck seiner Beziehung versteht, wird innerhalb der BDSM-Community inzwischen zunehmend darüber diskutiert, welche Verantwortung Menschen tragen, wenn sie Elemente ihres Kinks im öffentlichen Raum zeigen. Begriffe wie “Consent of Bystanders” spielen in dieser Debatte heute eine deutlich größere Rolle als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Uwes Geschichte entstand allerdings lange bevor solche Debatten öffentlich geführt wurden.
Interessant ist deshalb weniger die Frage, ob man eine Leine in der Öffentlichkeit gut oder schlecht findet, sondern wie Uwe selbst darüber spricht. Er beschreibt diese Situation nicht als Machtdemonstration oder Provokation, sondern als Teil einer Beziehung, in der beide dieselben Vorstellungen teilten.
Gleichzeitig zieht er eine klare Grenze. Was Menschen draußen sehen dürfen, entscheidet er bewusst. Was in seinem privaten Spielzimmer geschieht, bleibt privat.
„Alle wissen, dass ich ein Studio zu Hause habe. Aber was dort passiert, geht niemanden etwas an.“
Diese Trennung zwischen Sichtbarkeit und Intimität wirkt bemerkenswert konsequent. Sie zeigt, dass Offenheit nicht bedeutet, jedes Detail des eigenen Lebens öffentlich auszubreiten. Vielmehr geht es darum, sich nicht für die eigene Identität zu schämen und dennoch die Privatsphäre aller Beteiligten zu respektieren.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb viele Menschen Uwe heute nicht als Provokateur wahrnehmen. Seine Kleidung fällt auf. Sein Umgang mit anderen Menschen dagegen wirkt angenehm ruhig.

Mehr als nur eine Kneipe
Im Laufe unseres Gesprächs stellt sich irgendwann eine Frage ganz von selbst: Welche Rolle spielt Uwes außergewöhnliches Erscheinungsbild eigentlich für den Erfolg des “Ortmann's Anno 1966“? Ist der Mann im Latex längst selbst zu einem Markenzeichen der Kneipe geworden?
Uwe muss nicht lange überlegen.
„Die Leute kommen nicht wegen meines Outfits. Sie kommen, weil sie sich hier wohlfühlen.“
Wer sich mit der Geschichte des Anno beschäftigt oder mit Gästen spricht, stößt immer wieder auf dieselbe Beschreibung: Die Kneipe lebt von ihrer ungezwungenen Atmosphäre, ehrlichen Gesprächen und dem Humor der beiden Brüder, die sie gemeinsam führen. Natürlich fällt Uwe mit seinem Latex-Outfit auf. Für viele Besucher ist es zunächst das Erste, was sie wahrnehmen. Doch ebenso häufig erzählen Menschen, dass diese Äußerlichkeit schon nach kurzer Zeit in den Hintergrund tritt. Was bleibt, ist die herzliche Atmosphäre eines Ortes, an den viele immer wieder zurückkehren.
Dass es das Anno überhaupt gibt, ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Bevor Uwe gemeinsam mit seinem Bruder die Kneipe eröffnete, war er als Selbstständiger im Lebensmitteleinzelhandel tätig. Die Selbstständigkeit endete schließlich in einer Insolvenz. Ein Einschnitt, den viele Menschen vermutlich als schwerste berufliche Niederlage ihres Lebens empfinden würden. Uwe sieht das heute anders.
“Ohne die Insolvenz hätte ich nie mit meinem Bruder unsere Kneipe eröffnet. Wie ist das mit ... wenn eine Tür sich schließt, geht eine andere auf? Stimmt. Und scheiß auf die Kohle durch die Pleite. Spaß im Leben ist viel wichtiger.“
Sein Blick auf diese Zeit verrät viel über seine Persönlichkeit. Er spricht weder verbittert noch verklärt über das Scheitern. Vielmehr betrachtet er es als Teil seines Lebenswegs, denn ohne das Scheitern hätte es das “Ortmann's Anno 1966“ nie gegeben und damit auch nicht die vielen Begegnungen und Freundschaften, die seinen Alltag heute prägen.
Diese Haltung passt erstaunlich gut zu dem Eindruck, den er insgesamt hinterlässt. Uwe scheint sein Leben selten danach bewertet zu haben, ob es möglichst einfach oder möglichst bequem war. Wichtiger war ihm offenbar immer, dass es sich nach seinem eigenen Leben anfühlte.
Und genau das spüren auch seine Gäste.
„Lebt euer Leben.“
Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, dass Uwe nur selten in Kategorien denkt. Er unterscheidet nicht zwischen „normal“ und „anders“, zwischen Mainstream und Szene oder zwischen Menschen, die ihn verstehen, und solchen, die es vielleicht nie werden. Vieles von dem, worüber heute leidenschaftlich diskutiert wird, scheint ihn erstaunlich wenig zu beschäftigen.
Vielleicht liegt das daran, dass er seinen Weg längst gefunden hat.
Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Weder der Gesellschaft noch der BDSM-Szene. Er lebt sein Leben so, wie es für ihn richtig ist und hat offenbar nie das Bedürfnis verspürt, andere davon überzeugen zu wollen.
Gerade diese Gelassenheit macht ihn zu einem ungewöhnlichen Gesprächspartner. Uwe spricht nicht über Freiheit, als wäre sie ein großes politisches Ideal. Für ihn beginnt Freiheit an einem viel kleineren Punkt: bei der Entscheidung, sich selbst nicht zu verleugnen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass er keine Grenzen kennt. Im Gegenteil. Während unseres Gesprächs betont er immer wieder, dass Einvernehmlichkeit und Respekt für ihn selbstverständlich sind. Was zwischen zwei Menschen geschieht, geht nur diese beiden etwas an. Öffentlichkeit endet für ihn dort, wo andere ungefragt Teil eines persönlichen Spiels werden würden. Sein Latex, sein Halsband oder seine Kleidung mögen sichtbar sein, sein Privatleben bleibt es bewusst nicht.
Vielleicht erklärt gerade diese Haltung, warum Uwe in Bad Salzuflen längst nicht mehr auf seinen Fetisch reduziert wird. Viele Menschen kennen ihn zuerst als Kneipenwirt, als humorvollen Gastgeber oder einfach als den Mann, der sich Zeit für ein Gespräch und natürlich Fotos mit seinen Gästen nimmt. Das Latex gehört zu ihm, aber es definiert ihn nicht.
Zum Ende stelle ich ihm noch eine Frage, die ich jedem Interviewpartner irgendwann stelle.
Würde er sein Leben heute noch einmal genauso leben?
Er muss nicht lange überlegen.
Beruflich hätte er vielleicht die eine oder andere Entscheidung anders treffen können. Die Insolvenz sei eine schmerzhafte Erfahrung gewesen. Doch selbst darüber spricht er ohne Bitterkeit. Hätte sich damals nicht eine Tür geschlossen, gäbe es heute wahrscheinlich das Anno 1966 nicht und damit viele Begegnungen, Freundschaften und Erinnerungen, die nie entstanden wären.
Ganz anders fällt seine Antwort in Bezug auf BDSM aus. Dort gibt es kein Zögern. Kein „vielleicht“. Kein „unter anderen Umständen“.
„Meine Neigungen waren das Beste, was mir – wer auch immer – in die Wiege gelegt hat. Im nächsten Leben bitte wieder. Es war und ist perfekt so, wie es ist.“
Das ist einer dieser Sätze, die man als Journalistin nicht vergisst. Nicht, weil sie besonders spektakulär wären, sondern weil sie eine seltene Form von Zufriedenheit ausdrücken. Uwe behauptet nicht, sein Leben sei immer einfach gewesen. Er verschweigt weder Rückschläge noch Enttäuschungen. Aber er bereut den Weg nicht, den er gegangen ist.
Zum Schluss möchte ich noch von ihm wissen, was er jungen Menschen mit auf den Weg geben würde. Menschen, die vielleicht gerade erst beginnen zu begreifen, dass ihre Wünsche oder Fantasien nicht dem entsprechen, was sie für gesellschaftlich akzeptiert halten.
Seine Antwort kommt ohne große Worte aus.
„Lebt euer Leben. Nicht das Leben, das andere von euch erwarten und outet euch so früh wie möglich. So hat euer Umfeld die Chance, mit euch und eurer Persönlichkeit mitzuwachsen.“
Ein Rat, der zunächst nach einer einfachen Lebensweisheit klingt. Doch vielleicht gewinnt er gerade deshalb an Gewicht, weil er von jemandem stammt, der ihn seit Jahrzehnten konsequent lebt.
Schlussgedanken
Nach vielen Stunden des Gesprächs und der Auseinandersetzung mit Uwes Geschichte rücken Latex, Halsbänder und BDSM immer weiter in den Hintergrund. Stattdessen bleibt das Bild eines Menschen, der sich schon als Jugendlicher entschieden hat, sich nicht zu verbiegen. Nicht, weil er provozieren wollte. Nicht, weil er Aufmerksamkeit suchte. Sondern weil er nie verstanden hat, warum Ehrlichkeit sich selbst gegenüber etwas sein sollte, das man hinter verschlossenen Türen versteckt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte dieses Porträts.
BDSM ist ein Teil von Uwes Leben aber längst nicht der wichtigste. Im Mittelpunkt steht vielmehr ein Mensch, der seinen eigenen Weg gegangen ist, ohne sich von gesellschaftlichen Erwartungen oder Vorurteilen davon abbringen zu lassen. Seine Geschichte erzählt von Authentizität, Selbstannahme und dem Mut, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, auch wenn sie nicht dem entsprechen, was andere für gewöhnlich als normal betrachten.
Man muss Uwes Vorlieben nicht teilen, um etwas aus seinem Lebensweg mitzunehmen. Seine Geschichte erinnert daran, wie befreiend es sein kann, sich nicht über die Erwartungen anderer zu definieren. Sie zeigt, dass Offenheit nicht zwangsläufig laut oder provokant sein muss, sondern auch leise, konsequent und selbstverständlich gelebt werden kann.
Vielleicht ist genau das die wertvollste Erkenntnis dieses Porträts. Nicht die Frage, wie Uwe lebt, sondern mit welcher Selbstverständlichkeit er über Jahrzehnte hinweg seinen eigenen Weg gegangen ist und weiterhin geht, ohne dafür jemand anderes werden zu müssen.