„Ich passe in keine Schublade“ – André Weisser über Vielfalt, Hingabe und der Suche nach dem passenden Gegenüber

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„Familie. Das hätte ich gerne gehabt.“
„Familie. Das hätte ich gerne gehabt.“

Dominant oder devot, Top oder Bottom, klar definierte Vorliebe oder festgelegte Rolle. Gerade innerhalb der BDSM- und Fetischszene gehören solche Begriffe für viele Menschen ganz selbstverständlich zur eigenen Identität. Sie helfen dabei, Wünsche zu beschreiben, Gleichgesinnte zu finden und sich selbst einzuordnen.

André tut sich mit solchen Kategorien schwer. Nicht, weil er seine Wünsche nicht kennt. Im Gegenteil. Er hat im Laufe seines Lebens sehr genau herausgefunden, was ihn fasziniert. Das Problem ist vielmehr, dass eine einzelne Schublade dafür nicht ausreicht.

Seit seiner Jugend begleitet ihn eine ausgeprägte Neugier auf die unterschiedlichsten Formen von Sexualität, Fetisch und BDSM. Er hat ausprobiert, verworfen, neu entdeckt und Erfahrungen gesammelt, die weit über eine einzelne Spielart hinausgehen. Dominanz gehört für ihn ebenso dazu wie Hingabe, Feminisierung oder medizinische Rollenspiele.

Doch hinter dieser Vielfalt verbirgt sich mehr als die Suche nach immer neuen Reizen. Im Gespräch wird zunehmend deutlich, dass André weniger die einzelne Rolle als das gemeinsame Erleben sucht. Seine vielleicht wichtigste Aussage fällt erst, als ich genauer nachfrage, warum er sich so selbstverständlich auf die Wünsche seines Gegenübers einstellen kann:

„Das Verrückte dabei ist aber, das genau diese Lust des Gegenübers, wenn er glücklich ist in seinem Erleben, das meine größte Befriedigung ist.“

Eine Aussage, die einen anderen Blick auf einen Mann eröffnet, der von sich selbst sagt: „Ich passe in keine Schublade.“

„Ich passe in keine Schublade.“
„Ich passe in keine Schublade.“

„Ich wollte einfach alles, absolut alles probieren“

André beschreibt sich als zurückhaltenden Menschen. Nach außen sei von seiner anderen Seite wenig zu erkennen.

„Ich bin augenscheinlich völlig normal, man würde mir nichts anmerken, der berühmte Spruch “stille Wasser sind tief und dreckig” passt sehr gut.“

Die Neugier hinter dieser unauffälligen Fassade entwickelte sich früh. Bereits in seiner Jugend interessierte er sich für sexuelle Themen, las viel, experimentierte und wollte herausfinden, was jenseits konventioneller Sexualität existiert.

Dabei entwickelte sich kein einzelner Fetisch, der alles andere verdrängte. Das Gegenteil war der Fall.

„Ich wollte einfach alles, absolut alles probieren, erleben und erkunden. Ein geht nicht oder mache ich nicht, gab es für mich nicht. Ich wollte alles und habe einen großen Teil davon erleben dürfen.“

Diese Vielfalt ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil seiner Sexualität. Eine einzelne Spielart dauerhaft zum Mittelpunkt zu machen, würde ihm nicht genügen.

„Ich begrenze mich nicht auf eine Richtung, sprich eine einzelne Spielart. Wir nehmen mal Bondage, wäre mir nie genug. Genauso bin ich eben nicht nur devot oder dominant. Ich switche zwischen den sexuellen Spielarten und den Neigungen oder kombiniere sie.“

Genau damit stieß André allerdings nicht nur außerhalb der Szene auf Unverständnis. Auch innerhalb der BDSM-Welt habe er erlebt, dass Menschen klare Zuordnungen erwarten.

„Viele BDSMler / innen mögen das eher nicht. Viele sind der Ansicht so etwas gibt es nicht. Man wüsste dann von sich nicht was man will. Ich sehe das völlig anders. Ich nenne es, ich bin nicht in einer Schublade gefangen. Ich lebe und genieße alles.“

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob André dominant oder devot ist. Interessanter ist, warum ihm diese Unterscheidung offenbar wesentlich weniger bedeutet als vielen anderen.

Die Lust des Gegenübers als eigene Befriedigung

Bei der Frage nach seinen Rollen fällt zunächst auf, wie stark André sein Gegenüber in den Mittelpunkt stellt. Er hört zu, wenn eine Partnerin eine Fantasie äußert, und überlegt anschließend, wie sich diese umsetzen lässt. Dabei kann sich seine eigene Rolle grundlegend verändern.

„Möchte sie Dominanz, bekommt Sie sie. Möchte sie jedoch an mir etwas erleben, wird auch dieses umgesetzt. Möchte sie einen Sklaven, bekommt sie ihn. Dabei spielt es keine Rolle, was er tun soll. Wiederworte gibt es nicht.“

Auch Feminisierung kann Teil dieser Dynamik sein.

„Möchte sie mich weiblich, bekommt sie eine Sissy. Möchte sie ein Pet, setzen wir es um.“

Zunächst entsteht dadurch der Eindruck, André stelle seine eigene Sexualität zurück und übernehme schlicht die Rolle, die von ihm erwartet wird. Doch auf meine Nachfrage hin, widerspricht er diesem Eindruck. Er erinnert sich an eine Frau, die ihm vor vielen Jahren eine Beobachtung mit auf den Weg gab:

„Mir sagte vor langer Zeit mal eine Frau, das sie noch nie jemanden hatte, der seine eigene Befriedigung für die der Frau hinten anstellt.“

Für André ist dieses Zurückstellen jedoch keine Selbstaufgabe. Die Befriedigung seines Gegenübers wird selbst zum Teil seiner Lust.

„Die Lust des Gegenübers zu sehen, zu erleben wie ich ihr gefalle etc, ist für mich gleichzeitig die größte Befriedigung.“

Damit bekommt seine Rollenvielfalt eine innere Logik. Nicht zwingend die Position innerhalb eines Machtgefälles entscheidet über die Intensität einer Begegnung, sondern die Reaktion des Menschen, mit dem er sie erlebt.

„Meine Bedürfnisse erlebe ich ja dann automatisch, wenn ich jemanden habe, der sie für sich zu nutzen weiß.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass André keine eigenen Präferenzen besitzt. Als wir die Wünsche des Gegenübers gedanklich aus der Gleichung nehmen und ich ihn frage, welche Rolle er ausschließlich für sich selbst wählen würde, fällt die Antwort nach kurzem Zögern erstaunlich konkret aus:

„Oh das ist schwierig. Da gäbe es, glaube ich, einige. Ich denke aber, die devote Sissy wäre weit vorn.“

Seine Offenheit für unterschiedliche Dynamiken ist damit weder Orientierungslosigkeit noch die Abwesenheit eigener Wünsche. Vielmehr existieren beide Ebenen nebeneinander: persönliche Vorlieben und die Lust daran, sich auf die Fantasien eines anderen Menschen einzulassen.

Auch die Vielfalt selbst besitzt für André einen eigenen Reiz. Unterschiedliche Praktiken sprechen unterschiedliche Empfindungen an.

„Es gibt so viele Sachen, die Reize auslösen und die Nerven im Körper so richtig ansprechen. Man muss es nur für sich herausfinden. Der Kopf und der Geist spielen dabei eine wichtige Rolle, sich fallen lassen zu können.“

Bei aller Experimentierfreude zieht André zugleich klare Grenzen. Illegales und für ihn moralisch nicht Vertretbares schließt er ebenso aus wie Praktiken, von denen er dauerhafte körperliche Schäden erwartet. Offenheit bedeutet für ihn jedoch nicht Grenzenlosigkeit.

Die weiße Szene – eine Erinnerung, die geblieben ist
Die weiße Szene – eine Erinnerung, die geblieben ist

Die weiße Szene – eine Erinnerung, die geblieben ist

Unter den zahlreichen Interessen von André nimmt ein Bereich eine besondere Stellung ein: medizinische Rollenspiele, innerhalb der Szene häufig als „weiße Szene“ bezeichnet.

Bei der Suche nach dem Ursprung dieser Faszination kehrt André gedanklich zu einem medizinischen Erlebnis in seiner Kindheit zurück. Als Kind wurde bei ihm eine Weitung der Vorhaut vorgenommen. Besonders die Situation rund um den Eingriff blieb ihm im Gedächtnis.

„Ich denke, der Urprung liegt in meiner Kindheit. Wir haben dies mal versucht psychologisch zu erklären. Jedenfalls wurde mir als Kind die Vorhaut geweitet. Dieser Augenblick der Narkose und der Utensilien dazu hat sich eingebrannt.“

André selbst vermutet einen Zusammenhang zwischen dieser Erinnerung und seiner späteren Faszination für medizinische Rollenspiele. Ob tatsächlich eine solche Verbindung besteht, lässt sich aus einer persönlichen Rückschau natürlich nicht feststellen und auch André erhebt diesen Erklärungsversuch nicht zur Gewissheit.

„Ich denke, dieser Moment als Kind war prägend, vielleicht aber auch etwas vererbt…ich weiß es nicht.“

Auf die Frage, was ihn heute an der weißen Szene fasziniert, nennt er mehrere Ebenen.

„Wahrscheinlich die Atmosphäre, vielleicht die Erfahrung als Kind und wohl diese spezielle Art des Ausgeliefertseins und die eigene Kontrolle über die Körperfunktionen abzugeben.“

Damit beschreibt André einen Aspekt, der sich bereits bei seinen anderen Neigungen wiederfindet, die Kontrolle bewusst abzugeben und sich auf eine intensive Erfahrung einzulassen. Gleichzeitig spielen für ihn die medizinischen Instrumente selbst eine wichtige Rolle.

„Vor allem das Eindringen von verschiedenen Instrumenten, welche ein Feuerwerk von Gefühlen und Erregung auslösen.“

Diese Vorliebe blieb für André nicht auf Fantasien beschränkt. Im Laufe seines Lebens lernte er Menschen kennen, mit denen er diese Interessen tatsächlich ausleben konnte. Einige Erfahrungen waren so ungewöhnlich, dass ich bei einer seiner Schilderungen noch einmal genauer nachfragen musste.

André schilderte ein außergewöhnliches Erlebnis mit einer Frau im Umfeld einer Klinik. Für mich stellte sich die Frage, ob es sich dabei um eine Fantasie, eine inszenierte Session handelte oder ob es tatsächlich real war. Seine Antwort ist eindeutig.

„Also die Geschichte war absolut real. Kein Fake und keine Inszennierung. Absolut real und sie wäre vielleicht meine Partnerin geworden.“

Damit beginnt allerdings ein Kapitel, das für André rückblickend nicht nur aus spektakulären Erfahrungen besteht. Die Verbindung entwickelte eine Dynamik, die er heute kritisch betrachtet.

„Allerdings stellte es sich als eine stark narzistisch geprägte Zeit heraus, aus welcher ich große Erfahrung gezogen habe und die mich auch stark verändert hat. Ich hätte nicht gedacht, darauf einmal reinzufallen. Leider ist es passiert.“

Trotzdem möchte er die Erfahrungen dieser Zeit nicht aus seinem Leben streichen.

„Die Erlebnisse daraus möchte ich nicht missen. Sie waren spektakulär. Es gab kein geht nicht oder mache ich nicht.“

Erst später habe er erkannt, dass beide Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen in diese Verbindung gegangen seien.

„Jedoch war es wohl für sie ein Abarbeiten von Erlebnissen und Punkten für ihren eigenen Erfahrungsschatz und um es zu erleben. Die Gedanken dazu stammten allerdings von mir.“

Nach rund anderthalb Jahren brach der Kontakt ab.

Die Geschichte zeigt eine Grenze, die bei aller Übereinstimmung sexueller Interessen leicht übersehen werden kann, denn gemeinsame Fetische allein schaffen noch keine tragfähige Beziehung. Menschen können außergewöhnliche Erfahrungen miteinander teilen und trotzdem völlig unterschiedliche Erwartungen an Nähe, Partnerschaft und Zukunft haben.

Gerade diese Erkenntnis führt zu einer Frage, die sich wie ein leiser Unterton durch viele seiner Antworten zieht: Was nützen die außergewöhnlichsten Erlebnisse, wenn am Ende der Mensch fehlt, mit dem man sie dauerhaft teilen möchte?

300 Tage im Jahr unterwegs
300 Tage im Jahr unterwegs

300 Tage im Jahr unterwegs

Die ungewöhnlichen Erfahrungen bilden nur eine Seite seines Lebens. Auf der anderen stehen Beruf, Verantwortung und ein Alltag, der wenig Raum für Beständigkeit lässt. André ist nach eigenen Angaben rund 300 Tage im Jahr beruflich unterwegs.

„Das Erleben mit jemandem gemeinsam ist eher schwierig, wenn man gut 300 Tage im Jahr unterwegs ist.“

Die Konsequenzen kennt er.

„Man ist ja nie da, hört man oft. Und ja, die Realität ist genau das. Für Events oder Treffen…ist man nie da. Also, was erwartet man.“

Vieles, was sich alleine verwirklichen lässt, nimmt André deshalb mit auf Reisen. Kleidung oder andere Utensilien finden ihren Platz im Gepäck. Schwieriger wird es dort, wo eine zweite Person notwendig ist. Dabei fehlt ihm nicht einfach irgendein Spielpartner.

„Der Wunsch, jemanden zu finden, mit dem man aber Alltag und BDSM verbinden kann und auch ab und an ins tägliche Leben mit einbaut, bleibt.“

Dieser Satz ist wichtig, weil er einen Kontrast zu dem Mann schafft, der zuvor davon erzählt hat, möglichst vieles ausprobieren zu wollen. Hinter der großen sexuellen Experimentierfreude steht eine erstaunlich klassische Sehnsucht nach Beständigkeit. Sein Beruf habe ihm viel gegeben, sagt André, gleichzeitig aber auch viel genommen.

„Ich habe ein sehr gutes Leben, jedoch einsam.“

Nach außen wird von ihm etwas anderes erwartet.

„Im Leben erwartet man von mir Autorität, Herr über alle Lagen zu sein.“

Er beschreibt sich selbst als willensstark, erfolgreich und im Alltag dominant, gleichzeitig aber auch als empathisch, zurückgezogen und menschenscheu. Von seiner sexuellen Welt wissen nur wenige Menschen.

„Meine tiefsten Dinge wissen allerdings nur 2-3 Menschen.“

Die Diskrepanz zwischen äußerem Leben und verborgenen Bedürfnissen empfindet André durchaus.

„Würde man mein Inneres hinter der Fassade sehen, wären wohl viele geschockt und würden davonrennen. Lach.“

Doch als ich ihn frage, was ihm sein von Reisen und beruflichem Erfolg geprägtes Leben am meisten genommen hat, nennt er weder eine verpasste BDSM-Erfahrung noch einen unerfüllten Fetisch.

Seine Antwort lautet:

„Familie. Das hätte ich gerne gehabt. Eine Frau fürs Leben, für alle Facetten, und Kinder.“

Und unmittelbar danach folgt einer der nachdenklichsten Sätze unseres gesamten Gesprächs:

„Ich habe jeden materiellen Käse, den man sich wünscht. Und irgendwann merkt man, dass alles davon egal ist.“

Auch BDSM-Partys hätte André gerne häufiger besucht. Doch gegenüber dem Wunsch nach Familie wirkt dieses Bedauern beinahe nebensächlich.

Der Mann, der möglichst viele Facetten von Sexualität kennenlernen wollte, sucht am Ende nicht das nächste außergewöhnliche Erlebnis. Er sucht einen Menschen, mit dem sich diese Facetten ebenso teilen lassen wie ein gewöhnlicher Alltag.

„Ich habe ein sehr gutes Leben, jedoch einsam.“
„Ich habe ein sehr gutes Leben, jedoch einsam.“

„Du bist zu viel“ – vom Verurteilen zur Selbstakzeptanz

Wenn André heute auf seinen bisherigen Weg zurückblickt, spricht daraus weder Bitterkeit noch Reue. Vielmehr entsteht der Eindruck eines Menschen, der über viele Jahre lernen musste, sich selbst anzunehmen.

Dieser Weg war keineswegs selbstverständlich. Gerade in den ersten Jahren begegnete er seinen eigenen Neigungen mit Unsicherheit. Hinzu kamen Reaktionen aus seinem persönlichen Umfeld, die ihn tief getroffen haben.

„Sehr nahestehende Menschen verurteilten mich als krank. Das war ernüchternd.“

Auch innerhalb der BDSM-Szene fühlte er sich nicht immer verstanden. Seine Offenheit für unterschiedliche Rollen und Dynamiken stieß häufig auf Skepsis.

„Oder aber ich könne keine Richtung intensiv leben. Man könne nur das eine oder das andere sein. Nie mehrere. Da widerspreche ich.“

Über lange Zeit begann André deshalb, an sich selbst zu zweifeln.

„Früher habe ich mich in mich zurückgezogen. Viel Gesammeltes weggeworfen, mich hinterfragt und verurteilt.“

Mit zunehmender Erfahrung veränderte sich jedoch sein Verhältnis zu sich selbst.

„Heute tue ich das nicht mehr. Man hat nur ein Leben.“

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in seinem Blick auf andere Menschen wider.

André erhebt nicht den Anspruch, dass jeder seine Neigungen verstehen oder teilen müsse. Ebenso wenig müssten Menschen außerhalb der Szene BDSM und Fetische nicht verstehen oder mögen und Menschen mit ungewöhnlichen Vorlieben sollten nicht erwarten, dass ihr Umfeld daran teilhaben möchte.

„Lasst jedem seine Neigungen und seine Fetische. Verurteilt niemanden, solange es alles im legalen Bereich ist und bleibt.“

Gleichzeitig richtet er diesen Appell auch an die BDSM- und Fetischszene selbst.

„Lasst uns leben, wonach uns ist, aber lasst uns auch akzeptieren, dass es viele Menschen gibt, die nichts damit anfangen können und wollen. Das sollte man auch absolut respektieren und sie in Ruhe lassen.“

Es ist eine Haltung, die sich deutlich von einer Forderung nach grenzenloser Sichtbarkeit unterscheidet. André sieht keinen Grund, andere Menschen von seinen Neigungen überzeugen zu wollen.

„Ich muss auch nicht alles, was uns betrifft, in der Öffentlichkeit zur Schau stellen.“

Seine Botschaft ist deshalb bemerkenswert schlicht.

„Jeder sollte im Respekt zueinander leben und niemand jemanden verurteilen. Egal aus welcher Richtung er kommt.“

Was bleibt, wenn der Fetisch verschwindet?

Zum Ende unseres Gesprächs stelle ich André eine hypothetische Frage: Was wäre, wenn morgen sämtliche Fetische und ungewöhnlichen sexuellen Interessen verschwunden wären? Wer wäre André ohne sie?

Die Antwort fällt überraschend nüchtern aus.

„Ich glaube ich wäre tiefenentspannter und weniger nachdenklich, weil mir viel weniger fehlen würde.“

Ein bemerkenswerter Gedanke. Denn er beschreibt seine Neigungen damit nicht ausschließlich als Bereicherung. Sie schaffen Erfahrungen, Fantasien und intensive Momente aber gleichzeitig erzeugen unerfüllte Wünsche auch Sehnsucht.

„Ich würde mir über vieles keine Gedanken machen, weil mir nichts fehlen würde und ich daran dann kein Interesse hätte.“

Vielleicht liegt genau darin die Ambivalenz seiner Geschichte.

André möchte seine Neigungen nicht loswerden. Er hat aufgehört, sich dafür zu verurteilen, und betrachtet die Erfahrungen seines Lebens als Teil seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig romantisiert er diese Seite nicht. Vielfalt kann bereichern, aber sie kann die Suche nach einem passenden Gegenüber komplizierter machen. Offenheit kann Freiheit bedeuten und zugleich das Gefühl verstärken, dass etwas fehlt.

Am Ende unseres Gesprächs bleiben deshalb weniger einzelne Fetische oder außergewöhnliche Erlebnisse in Erinnerung als die Widersprüche eines Menschen, der beruflich Verantwortung und Autorität verkörpert, privat Kontrolle abgeben kann, sich nicht auf eine sexuelle Rolle reduzieren möchte und trotz aller Experimentierfreude nach etwas sehr Beständigem sucht.

André ist weder ausschließlich dominant noch ausschließlich devot. Seine Vielseitigkeit bedeutet auch nicht, dass ihm egal wäre, welche Rolle er einnimmt. Wenn ausschließlich seine eigenen Wünsche zählen, kann er durchaus eine Präferenz benennen. Gleichzeitig erlebt er Befriedigung darin, auf einen anderen Menschen einzugehen und dessen Lust zu seiner eigenen werden zu lassen.

Vielleicht erklärt gerade das besser als jedes Etikett, warum die übliche Einordnung bei ihm an ihre Grenzen stößt.

Seine Geschichte zeigt auch, dass eine sexuelle Identität nicht zwangsläufig aus einer einzigen Rolle bestehen muss. Menschen können Widersprüche in sich tragen, unterschiedliche Bedürfnisse miteinander verbinden und trotzdem sehr genau wissen, was ihnen etwas bedeutet.

André formuliert es wesentlich einfacher:

„Ich nenne es, ich bin nicht in einer Schublade gefangen. Ich lebe und genieße alles.“

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