BDSM und Psychotherapie: Wo Konsens endet und Missbrauch beginnt
Buchrezension | Kann BDSM heilsam sein? Wie erkennen Therapeutinnen und Therapeuten den Unterschied zwischen selbstbestimmter Sexualität und missbräuchlichen Beziehungen? Und welche Rolle spielen gesellschaftliche Machtverhältnisse bei der Entstehung sexueller Fantasien? Gisela Fux Wolf stellt sich in dem Buch „BDSM und Psychotherapie“ wichtigen Fragen – und lässt einige ebenso wichtige offen.
Ein Mensch erzählt in der Psychotherapie, dass er sich gerne fesseln lässt. Dass er Schmerz als lustvoll erlebt oder sich seinem Partner freiwillig unterordnet. Ist das bereits ein Hinweis auf eine psychische Störung? Muss hinter solchen Wünschen eine traumatische Kindheit stehen?
Oder wäre es ebenso problematisch, wenn die therapeutische Fachkraft das Gegenteil voraussetzt und jeden Wunsch nach Unterwerfung vorschnell als Ausdruck selbstbestimmter Sexualität bestätigt?
Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein anspruchsvolles therapeutisches Arbeitsfeld. Wer BDSM grundsätzlich als krankhaft betrachtet, läuft Gefahr, Menschen zu stigmatisieren und ihre tatsächlichen Probleme zu übersehen. Wer hingegen jede als konsensuell bezeichnete Erfahrung unkritisch akzeptiert, könnte Manipulation, Abhängigkeit oder Gewalt verkennen.
Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich das Buch „BDSM und Psychotherapie – Eine Handreichung auf dem Weg zum kinkrespektvollen Arbeiten“ von Gisela Fux Wolf.
Das 2023 bei edition assemblage erschienene Werk richtet sich insbesondere an Menschen in psychotherapeutischen und beratenden Berufen. Gisela Fux Wolf hat in Psychologie promoviert, ist psychotherapeutisch tätig und verfügt über Zusatzqualifikationen in systemischer Sexualtherapie und Traumatherapie. Wolf ist nichtbinär und beschäftigt sich in der eigenen Arbeit intensiv mit der Frage, wie eine respektvolle und fachlich fundierte Gesundheitsversorgung für kinky Menschen gestaltet werden kann.
Wir haben das Buch vollständig gelesen. Dabei entwickelte sich die Lektüre anders, als es die ersten Kapitel zunächst erwarten lassen.
Ein Buch gegen die vorschnelle Pathologisierung
Gisela Fux Wolf beginnt mit einer klaren Position: BDSM ist nicht allein deshalb behandlungsbedürftig, weil die damit verbundenen Fantasien oder Praktiken von gesellschaftlichen Sexualitätsnormen abweichen.
Diese Ausgangsthese zieht sich durch die historische und psychologische Einordnung des Buches. Wolf zeigt, wie Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie über lange Zeit an der Konstruktion vermeintlich gesunder und krankhafter Sexualitäten beteiligt waren.
Besonders kritisch betrachtet Wolf psychoanalytische Erklärungsmodelle, die masochistische oder sadistische Präferenzen beispielsweise als Folge früher Gewalt, gestörter Bindung oder einer unreifen psychischen Entwicklung verstanden.
Die Schwierigkeit solcher Ansätze liegt auf der Hand: Wird eine sexuelle Vorliebe bereits zu Beginn als Ausdruck einer Störung betrachtet, kann die anschließende Suche nach ihren Ursachen zur Bestätigung einer vorgefassten Annahme werden.
Wolf verweist auf Untersuchungen, die keine generelle erhöhte Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei BDSM-praktizierenden Menschen zeigen. Das Buch erläutert außerdem die Entwicklung psychiatrischer Diagnosemanuale, die zunehmend zwischen einer ungewöhnlichen sexuellen Präferenz und einer tatsächlichen psychischen Störung unterscheiden.
Einvernehmliche Sexualität wird damit nicht allein wegen ihrer Andersartigkeit zur Krankheit erklärt. Fehlender Konsens, erhebliches persönliches Leiden oder gravierende Gefährdungen können dagegen weiterhin eine klinische Einordnung erforderlich machen.
Diese Differenzierung ist eine wichtige Grundlage für eine angemessene Gesundheitsversorgung.
Denn wer sich aufgrund seiner Sexualität vor Verurteilung fürchten muss, verschweigt möglicherweise gerade jene Erfahrungen, bei denen therapeutische Unterstützung hilfreich wäre.
Wolf beschreibt solche Probleme anhand von Untersuchungen zu BDSM-praktizierenden Menschen, die in psychotherapeutischen Behandlungen auf Unwissenheit, moralische Ablehnung oder aufdringliche Neugier gestoßen sind.
Die Folgen können erheblich sein: Ein therapeutisches Vertrauensverhältnis kommt nicht zustande, wesentliche Informationen werden zurückgehalten oder eine notwendige Behandlung wird abgebrochen.
Eine psychotherapeutische Praxis sollte deshalb ein Ort sein, an dem Menschen offen über ihre Sexualität sprechen können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Doch wie weit reicht dieser Ansatz?
Buchinformationen
BDSM und Psychotherapie
Eine Handreichung auf dem Weg zum kinkrespektvollen Arbeiten
Verfasst von: Gisela Fux Wolf
Verlag: edition assemblage
Erscheinungsjahr: 2023
Umfang: 142 Seiten
Einband: Paperback
ISBN: 978-3-96042-161-0
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Zwischen Selbstbestimmung und einer allzu positiven Betrachtung
In den ersten Kapiteln nimmt Wolf eine ausgesprochen kinkaffirmative Perspektive ein.
BDSM erscheint als vielseitige sexuelle Kultur, die Möglichkeiten für Selbstentdeckung, intensive Bindung, körperliche Erfahrungen und persönliche Entwicklung bieten kann.
Auch mögliche heilsame Wirkungen werden wiederholt angesprochen. BDSM könne Menschen helfen, ihre Bedürfnisse deutlicher wahrzunehmen, Gefühle zu regulieren oder Erfahrungen von Kontrolle und Selbstwirksamkeit zu machen.
Diese Perspektive ist interessant. Gleichzeitig wirft sie Fragen auf.
Nicht jede intensive Erfahrung ist bereits heilsam. Nicht jede emotionale Entladung führt zu einer nachhaltigen psychischen Verbesserung. Und wenn Menschen berichten, durch BDSM belastende Erlebnisse verarbeitet zu haben, ist damit noch nicht nachgewiesen, dass eine entsprechende Praktik eine therapeutische Wirkung besitzt.
Hier wäre eine konsequentere Unterscheidung zwischen persönlichen Erfahrungsberichten, plausiblen psychologischen Erklärungen und empirisch überprüften Behandlungseffekten hilfreich gewesen.
Für das Buch werden sowohl wissenschaftliche Literatur als auch Interviews mit Menschen herangezogen, die über Erfahrung und Wissen innerhalb kinky Communitys verfügen.
Solche Perspektiven sind wertvoll. Sie können jedoch wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise nicht ersetzen.
Ein weiterer Punkt fällt auf: Die ersten Kapitel konzentrieren sich stark darauf, Vorurteile gegen BDSM zu widerlegen. Kritische Perspektiven erscheinen dabei zunächst häufig im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Stigmatisierung oder einer problematischen Geschichte der Psychotherapie.
Dabei muss nicht jede kritische Frage nach Ursachen, Machtverhältnissen oder psychischen Folgen aus einem Vorurteil entstehen.
Gerade Menschen, die ihre eigenen Wünsche nicht verstehen oder unter bestimmten Verhaltensmustern leiden, können ein berechtigtes Interesse daran haben, deren biografische und gesellschaftliche Hintergründe zu untersuchen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob BDSM grundsätzlich gesund oder krank ist.
Sie lautet: Welche Bedeutung hat eine konkrete Fantasie oder Handlung für einen bestimmten Menschen – und welche Folgen hat sie für dessen Leben?
Dass Wolf diese differenzierte Perspektive durchaus einnimmt, wird im weiteren Verlauf des Buches zunehmend deutlich.
Wenn das letzte Kapitel die Perspektive verändert
Mit dem umfangreichen achten Kapitel erreicht die Handreichung ihren inhaltlichen Schwerpunkt.
Hier geht es nicht länger überwiegend um die Verteidigung kinky Sexualität gegen gesellschaftliche Vorurteile. Stattdessen beschäftigt sich Wolf ausführlich mit Schwierigkeiten und Gefahren, die innerhalb von BDSM-Beziehungen und Communitys entstehen können.
Hier werden psychische Erkrankungen, Substanzgebrauch, problematische Bindungen, Retraumatisierung, Grenzverletzungen, manipulierter Konsens und Gewalt behandelt.
Besonders bemerkenswert ist, dass Wolf auch den gesellschaftlichen und communityinternen Druck beschreibt, BDSM unbedingt als gesund und unproblematisch darstellen zu wollen.
Wer seine sexuelle Kultur gegen jahrzehntelange Stigmatisierung verteidigt, kann in Versuchung geraten, interne Probleme herunterzuspielen. Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten beispielsweise befürchten, durch ihre Offenheit erneut als Beleg für die angebliche Krankhaftigkeit von BDSM zu gelten.
Die Folge kann eine gefährliche Normalisierung von Problemen sein, bei der notwendige therapeutische Hilfe ausbleibt.
Damit korrigiert das Buch eine mögliche Einseitigkeit seiner anfänglichen Darstellung selbst.
Das letzte Kapitel wirkt wie eine inhaltliche Zuspitzung, auf die die vorherigen Abschnitte vorbereiten: Nachdem Wolf erklärt hat, weshalb BDSM nicht pauschal pathologisiert werden darf, wird gezeigt, wie notwendig eine differenzierte Betrachtung konkreter Risiken trotzdem ist.
Ob dieser Aufbau bewusst so gewählt wurde, bleibt offen. Seine Wirkung ist jedoch deutlich: Die Lektüre entwickelt sich von einer zunächst stark affirmativen Einführung zu einer wesentlich komplexeren Auseinandersetzung mit Sexualität, Macht und psychischer Gesundheit.

Ein Ja ist nicht immer so eindeutig, wie es klingt
Eine der wichtigsten Leistungen des Buches liegt in seiner Beschäftigung mit der Frage, woran sich eine gesunde BDSM-Beziehung von einer missbräuchlichen unterscheiden lässt.
Konsens bildet dabei die grundlegende Voraussetzung.
Doch Zustimmung ist anspruchsvoller, als lediglich einmal Ja zu sagen.
Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten, soziale Positionen und emotionale Bedürfnisse in Beziehungen ein. Nicht jeder kann seine Grenzen gleichermaßen gut erkennen, formulieren oder durchsetzen.
Besonders schwierig wird es, wenn eine Person Angst hat, einen geliebten Menschen zu verlieren, sich nach Anerkennung sehnt oder sich bereits in einer starken Abhängigkeit befindet.
Wolf beschreibt anhand konkreter Fallbeispiele, wie solche Konstellationen problematisch werden können.
Eine Person kann sich innerhalb einer BDSM-Session freiwillig unterordnen und gleichzeitig im Alltag zunehmend Schwierigkeiten entwickeln, dem dominanten Partner zu widersprechen.
Eine andere kann zunächst einer sexuellen Begegnung zustimmen, später aber feststellen, dass ihre Grenzen überschritten werden. Wird ihr ausdrücklicher Wunsch nach einem Abbruch ignoriert, ist die ursprüngliche Zustimmung keine Rechtfertigung für das weitere Handeln.
Besonders eindrücklich ist ein Fallbeispiel, in dem eine unerfahrene Person einem vermeintlich erfahrenen dominanten Mann vertraut. Er missachtet ihre Grenzen, ignoriert ihre Aufforderung aufzuhören und erklärt anschließend, sie sei offenbar nicht wirklich submissiv.
Hier zeigt sich, wie die Sprache und Rollenbilder einer sexuellen Kultur zur Verschleierung von Gewalt verwendet werden können.
Wolf benennt ausdrücklich Personen, die unter dem Deckmantel von BDSM gezielt unerfahrene Menschen ausnutzen. Ebenso thematisiert wird die Möglichkeit, dass sich einflussreiche Communitymitglieder durch ihre Stellung einer kritischen Auseinandersetzung entziehen.
Damit wird ein wesentlicher Punkt sichtbar: Eine Szene, die Konsens zu einem zentralen Wert erklärt, ist dadurch nicht automatisch frei von Missbrauch.
Wenn das Machtspiel den Alltag verändert
Besonders hilfreich ist das im Buch erläuterte Konzept des Bleeding Through.
Gemeint ist damit, dass Verhaltensweisen aus einer BDSM-Session ungewollt in andere Lebensbereiche übergehen.
Was innerhalb eines vereinbarten Szenarios als lustvolle Dominanz erlebt wird, kann im Alltag zu Kontrolle oder Demütigung werden. Eine Person übernimmt möglicherweise immer häufiger Entscheidungen für ihr Gegenüber, spricht in einem dauerhaft befehlenden Ton oder ignoriert dessen Wunsch nach einem gleichberechtigten Umgang.
Umgekehrt kann sich eine ursprünglich freiwillige submissive Rolle in zunehmende Hilflosigkeit oder den Verlust von Selbstvertrauen verwandeln.
Wolf zeigt, dass solche Veränderungen schleichend beginnen können und für die Beteiligten nicht immer unmittelbar erkennbar sind.
Für Therapeutinnen und Therapeuten ergeben sich daraus wichtige Fragen: Wann fühlten sich beide noch wohl? Wann veränderte sich die Bedeutung eines bestimmten Verhaltens? Welche Grenzen gelten innerhalb der Session, welche im Alltag? Und wie reagieren die Beteiligten, wenn eine Person eine Veränderung verlangt?
Gerade hier beweist die Handreichung ihren praktischen Wert. Wolf betrachtet nicht nur die vereinbarte sexuelle Handlung, sondern auch deren Auswirkungen auf Selbstbestimmung, Beziehung und Alltag.
Trauma Play: Zwischen Verarbeitung und Retraumatisierung
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Umgang mit traumatischen Erfahrungen.
Wolf erläutert das sogenannte Trauma Play: BDSM-Szenarien, in denen Elemente früherer belastender oder traumatischer Erlebnisse bewusst aufgegriffen und unter veränderten Bedingungen inszeniert werden.
Die dahinterstehende Vorstellung ist, dass eine Person eine Erfahrung, die ursprünglich durch Ohnmacht und Kontrollverlust geprägt war, in einem selbstbestimmten Rahmen neu erleben und anders einordnen kann.
Das kann subjektiv als stärkend empfunden werden.
Doch Wolf benennt auch erhebliche Gefahren.
Werden belastende Erinnerungen aktiviert, ohne dass die Beteiligten ausreichend vorbereitet sind oder ihre eigenen Reaktionen steuern können, droht eine Überforderung. Frühere Gewalterfahrungen können erneut erlebt, Ängste verstärkt und problematische Beziehungsmuster wiederholt werden.
Die Voraussetzung für einen verantwortlichen Umgang sieht Wolf deshalb in sorgfältiger Vorbereitung, Selbstkenntnis, stabiler Kommunikation, geeigneten Spielpartnern und umfassender Nachbereitung.
Vor allem zieht Wolf eine wichtige Grenze: Trauma Play ist keine geeignete Methode, um psychische Störungen zu behandeln. Bei einer Traumafolgestörung empfiehlt Wolf zunächst eine fachgerechte, leitlinienbasierte Traumapsychotherapie.
Diese Klarstellung gehört zu den bedeutendsten Aussagen des Buches.
BDSM kann für einen Menschen eine persönlich wertvolle Erfahrung darstellen. Daraus folgt jedoch nicht, dass sexuelle Grenzerfahrungen eine psychotherapeutische Behandlung ersetzen oder dass ihre Wiederholung automatisch zur Heilung führt.
Was bedeutet Dissoziation nach einer Session?
In diesem Zusammenhang erwähnt Wolf auch, dass nach belastenden BDSM-Sessions dissoziative Zustände auftreten können.
Damit können beispielsweise Erfahrungen gemeint sein, bei denen Menschen sich emotional betäubt, unwirklich oder von ihrem eigenen Erleben abgetrennt fühlen.
Das Buch erläutert später Zusammenhänge zwischen Traumata, Triggern, Dissoziation und traumatischen Reinszenierungen. Nicht vollständig geklärt wird jedoch, welche konkreten dissoziativen Erscheinungen nach BDSM-Sessions gemeint sind und wie gut sie speziell für diesen Kontext untersucht wurden.
Auch die Unterscheidung zwischen einer vorübergehenden Reaktion auf eine überwältigende Situation und einer länger anhaltenden, klinisch relevanten Symptomatik könnte deutlicher ausfallen.
Gerade für ein psychotherapeutisches Fachbuch wäre eine solche Präzisierung wertvoll.
Buchinformationen
BDSM und Psychotherapie
Eine Handreichung auf dem Weg zum kinkrespektvollen Arbeiten
Verfasst von: Gisela Fux Wolf
Verlag: edition assemblage
Erscheinungsjahr: 2023
Umfang: 142 Seiten
Einband: Paperback
ISBN: 978-3-96042-161-0
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Woher kommen kinky Wünsche?
Trotz der umfassenden Auseinandersetzung mit den möglichen Folgen von BDSM bleibt eine grundlegende Frage vergleichsweise wenig untersucht: Wie entstehen kinky Fantasien und Präferenzen?
Wolf grenzt sich nachvollziehbar von pauschalen Erklärungen ab, die BDSM grundsätzlich auf Traumata oder gestörte frühkindliche Beziehungen zurückführen.
Eine solche generelle Zuschreibung ist weder eine ausreichende Erklärung noch eine tragfähige Grundlage für die therapeutische Betrachtung eines einzelnen Menschen.
Doch zwischen der Annahme einer grundsätzlich krankhaften Ursache und der Vorstellung, eine Präferenz sei einfach vorhanden, liegt ein breites Forschungsfeld.
Wolf greift selbst das soziologische Konzept sexueller Skripte auf. Danach werden Vorstellungen von Sexualität auch durch persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Rollen, kulturelle Vorbilder und beobachtete oder gelesene Szenarien geprägt.
Damit eröffnet das Buch eine interessante Perspektive, die im weiteren Verlauf allerdings nur begrenzt ausgeschöpft wird.
Welche Rolle spielen Pornografie, soziale Netzwerke, Literatur, Film oder Musik dabei, bestimmte sexuelle Vorstellungen überhaupt kennenzulernen?
Können solche Darstellungen eine bereits bestehende Neigung lediglich sichtbar machen? Geben sie unspezifischen Fantasien eine bestimmte Form? Können wiederholte Darstellungen Wünsche verstärken oder Erwartungen erzeugen?
Und welchen Einfluss haben Machtverhältnisse, denen Menschen lange vor ihren ersten sexuellen Erfahrungen begegnen?
Autorität, Gehorsam, Anerkennung, Abhängigkeit und Unterordnung werden bereits in Familie, Schule, Ausbildung, Beruf und anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen erlebt.
Es wäre eine interessante psychologische Frage, ob und wie solche Erfahrungen später in sexuelle Fantasien und Beziehungsmuster eingehen.
Dabei sollte keineswegs vorausgesetzt werden, dass BDSM grundsätzlich aus problematischen Erfahrungen entsteht. Ebenso wenig sollte aber ausgeschlossen werden, dass biografische und gesellschaftliche Einflüsse bei einzelnen Menschen eine wichtige Rolle spielen können.
Gerade wenn jemand seine eigenen Wünsche als belastend erlebt oder nach deren Herkunft fragt, erscheint eine ergebnisoffene Auseinandersetzung sinnvoller als eine vorschnelle Festlegung auf irgendeine allgemeine Erklärung.
Die Rolle sozialer Medien und junger Menschen
Besonders auffällig ist diese Leerstelle im Hinblick auf jüngere Menschen.
Das Buch erwähnt, dass kinky Interessen teilweise bereits früh wahrgenommen werden und Coming-out-Prozesse in jüngeren Lebensphasen stattfinden können.
Eine ausführlichere Untersuchung der heutigen digitalen Lebenswelt fehlt jedoch.
Dabei wäre es gerade für die therapeutische Praxis interessant, zwischen verschiedenen Entwicklungen zu unterscheiden: Werden vorhandene Interessen heute lediglich früher benannt, weil Informationen leichter zugänglich sind? Oder beeinflussen mediale Darstellungen auch die Erwartungen an Sexualität und die Bereitschaft, bestimmte Grenzerfahrungen auszuprobieren?
Eine stärkere gesellschaftliche Sichtbarkeit von BDSM beweist weder eine tatsächliche Zunahme entsprechender Präferenzen noch eine problematische Entwicklung. Sie wirft aber Fragen nach kultureller Prägung, Selbstdefinition und dem Schutz unerfahrener Menschen auf.
Diese Fragen hätten eine ausführlichere Behandlung verdient.
Eine Handreichung, die ihre Lesenden fordert
Die größte formale Schwäche des Buches liegt in seiner Sprache.
Wolf arbeitet mit zahlreichen Fachbegriffen, langen Satzkonstruktionen und einer ausgesprochen akademischen Ausdrucksweise.
Für das therapeutische Fachpublikum sind komplexe Konzepte selbstverständlich nicht ungewöhnlich. Ein Buch, das ausdrücklich als Handreichung erscheint, sollte seine Erkenntnisse jedoch möglichst leicht zugänglich und im beruflichen Alltag unmittelbar nutzbar machen.
Gerade die wichtigsten Inhalte hätten von einer übersichtlicheren Gestaltung profitiert: konkrete Warnzeichen für Missbrauch, Fragen zur Überprüfung von Konsens, Kriterien für problematische Beziehungsmuster oder Hinweise zum Umgang mit belastenden Sessions.
Solche Informationen sind im Buch vorhanden. Sie müssen jedoch vielfach aus umfangreichen theoretischen Ausführungen herausgearbeitet werden.
Das ist besonders bedauerlich, weil viele dieser Erkenntnisse auch für Menschen außerhalb therapeutischer Berufe wertvoll wären.
Wer unter einer BDSM-Erfahrung leidet, sich in einer Beziehung zunehmend unsicher fühlt oder versucht, zwischen freiwilliger Unterwerfung und tatsächlicher Abhängigkeit zu unterscheiden, könnte in diesem Buch wichtige Anregungen finden.
Eine verständlichere Sprache, kompakte Checklisten und eine klarere Trennung zwischen theoretischer Einordnung und konkreten Handlungsempfehlungen hätten den praktischen Nutzen erheblich erweitert.

Eine wichtige Stimme, die auch Widerspruch verdient
„BDSM und Psychotherapie“ ist kein neutral angelegtes Grundlagenwerk, das unterschiedliche Positionen lediglich nebeneinanderstellt. Wolf verfolgt ausdrücklich das Ziel, eine kinkrespektvolle und affirmative Gesundheitsversorgung zu stärken.
Diese Positionierung prägt die Auswahl und Gewichtung der Themen.
Das ist eine wichtige Information für die Einordnung des Buches, schmälert aber nicht automatisch seinen fachlichen Wert.
Wolf zeigt nachvollziehbar, welche Schäden aus einer vorschnellen Pathologisierung sexueller Präferenzen entstehen können. Das Buch vermittelt umfangreiches Wissen über BDSM-Kulturen, Konsensmodelle und unterschiedliche Beziehungsformen.
Besonders im letzten Kapitel zeigt sich, dass eine affirmative Haltung keineswegs bedeuten muss, problematische Verhaltensweisen zu ignorieren.
Die Auseinandersetzung mit Gewalt, manipuliertem Konsens, Retraumatisierung, psychischen Erkrankungen und Communityversagen geht weit über eine einfache Verteidigung von BDSM hinaus.
Gerade die zahlreichen Fallbeispiele und konkreten Warnzeichen machen deutlich, wie wichtig es ist, sexuelle Selbstbestimmung nicht nur zu behaupten, sondern auch ihre tatsächlichen Voraussetzungen und Folgen zu untersuchen.
Offen bleiben vor allem Fragen nach der Entstehung sexueller Präferenzen und nach dem Einfluss kultureller, medialer und gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Auch die wissenschaftliche Absicherung einzelner Aussagen über mögliche Heilwirkungen könnte deutlicher von persönlichen Erfahrungen und theoretischen Annahmen abgegrenzt werden.
Die anspruchsvolle Sprache erschwert zudem den Zugang zu einem Werk, dessen Inhalte durchaus über das therapeutische Fachpublikum hinaus von Bedeutung sind.
Unser Fazit: Gisela Fux Wolf legt eine engagierte und in weiten Teilen bemerkenswert differenzierte Handreichung vor. Ihr Buch macht deutlich, weshalb BDSM nicht pauschal als psychische Störung betrachtet werden darf. Gleichzeitig zeigt es, wie sorgfältig Therapeutinnen und Therapeuten hinschauen müssen, wenn hinter einer vermeintlich konsensuellen Dynamik tatsächlich Angst, Manipulation oder Gewalt stehen.
Es ist gerade diese Verbindung, die das Buch lesenswert macht: der Anspruch, Menschen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu respektieren, ohne die Augen vor den möglichen Schattenseiten ihrer Beziehungen zu verschließen.
Die Fragen, die nach der Lektüre offenbleiben, sind dabei kein Grund, die Leistung des Werkes geringzuschätzen. Sie zeigen vielmehr, wie viel es in diesem Themenfeld noch zu erforschen und zu diskutieren gibt.